Kleine Enzyklopädie der Körperpsychotherapie 3. Facing

Mit Grounding wurde der Umgang mit der physikalischen Realität umschrieben, mit Centering der Umgang mit der energetischen Wirklichkeit. Facing befasst sich mit der Realität der Sinneswahrnehmung und –Verarbeitung. Die angemessene deutsche Übersetzung wäre am ehesten „Anschauen“. Der englische Begriff ist allerdings assoziationsreicher, weil er das „Gesicht“ (face) mit anspricht, das Gesicht, das andere sehen, wenn sie mich anschauen. Facing beschreibt also den Umstand, dass uns eine Anschauungsmöglichkeit gegeben ist, eine reflexive Wahrnehmung der Welt.

Facing als Einstellung zur Welt

Eine Welt entsteht gewissermaßen erst dadurch, dass alle Sinneseindrücke zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. So erhalten die Dinge der Realität ihre Größe, ihre Form und Farbe, ihre Beschaffenheit und ihren Geruch und letztlich auch ihren Namen.
Facing bedeutet nun, über eine Abbildung der umgebenden Welt zu verfügen. Es mag selbstverständlich erscheinen, dass ein Mensch die Welt so wahrnimmt wie sie ist, aber spätestens seit Sigmund Freud wissen wir, dass die Psyche über die Fähigkeit verfügt zu verdrängen – das bedeutet u.a., dass bestimmte Aspekte der Welt aus dem Bewusstsein verbannt werden können.
Facing in der sozialen Welt bezieht sich auf die Kenntnis und die Anerkenntnis der Regeln und Übereinkünfte, die in einer Kultur gegeben sind. Die Zeichen und Signale der sozialen Welt können erkannt werden, ihr Sinn wird eingesehen.
Facing in Beziehungen bedeutet die Fähigkeit, sich selbst hinterfragen zu können, mit Kritik und Feedback umgehen zu können, bereit zu sein, seine Stärken und Schwächen anzuerkennen.
Im Bezug zum eigenen Körper bedeutet Facing, dass wir uns ein Bild von unserem Körper machen können, das angemessen realistisch ist. Dass es möglich ist, über den Körper nachzudenken und Worte zu haben, um ihn zu beschreiben.
Diagnostisch kann zu viel oder zu wenig Facing eingeschätzt werden. Zu viel tendiert zu Grübelei, zum ständigen Hinterfragen seiner selbst und der Welt. Zu wenig wäre entsprechend die Tendenz, sich nicht gut hinterfragen zu können und weiter geht es um eine gewisse Sprachlosigkeit, eine geringe Fähigkeit, Abstand von sich nehmen zu können, nicht kritikfähig zu sein.

Facing in der Entwicklung

Seine Grundausstattung zur Entfaltung des Facings erhält ein Mensch durch seine genetische Ausstattung. Die Kultur, die Eltern, die wirtschaftlichen und sozialen Umstände bestimmen die Phänomene, die der heranwachsende Mensch lernen muss einzuordnen. Die dabei erworbenen Sichtweisen haben einen großen Verdienst für jeden Menschen, egal, ob die Fähigkeiten eher gut oder nicht so gut entwickelt wurden.

Facing im Uterus

In der uterinen Phase entwickeln sich die Sinne erst nach und nach. Schon früh ist der Tastsinn und das Gehör einsatzbereit. Alle sinnlichen Erfahrungen finden auch ihren Weg in die neuronalen Verschaltungen und hinterlassen mehr oder weniger subtile Spuren im Körperempfinden – sie können als Grundstimmungen oder Anmutungen wahrgenommen werden.

Facing in der Bindungsbeziehung

Mit der Bindungsbeziehung beginnt die Zeit des Miteinanders und der Beziehung von Gesicht zu Gesicht – dem eigentlichen Facing. Babys sind hervorragend dazu ausgerüstet, Gesichter erkennen zu können, bzw. schulen sie ihren Sehsinn damit. Die Fähigkeit zur Imitation von Gesichtsausdrücken ist bereits kurz nach der Geburt ausgebildet. Sie bildet die Grundlage und Voraussetzung für spätere Empathie. Vor allem die Qualität des Blicks, von dem das Baby erblickt wird, legt Spuren für den späteren Umgang mit Facing – freundlich lächelnde, gleichgültige, kalte oder bedrohliche Blicke wirken tief in das Vegetativum des Babys hinein.

Facing im Vorschulalter

Ab dem zweiten Lebensjahr beginnt die sprachliche Entwicklung und das Kind lernt, alles was ihm widerfährt zu benennen. Äußere Phänomene und innere Bewegungen. Gesichtsausdrücke spiegeln die Gefühle der Personen wieder. So lernt das Kind die Namen der Gefühle von seinen Bezugspersonen, bzw. lernt es den Gesichtsausdruck von anderen zu deuten und zu benennen. Dadurch entsteht die Möglichkeit, sich mit anderen sprachlich auszutauschen und seine Befindlichkeit mitteilen zu können.

Facing in der Schulzeit

Spätestens in der Schule beginnt die Zeit des Zusammenseins mit gleichaltrigen Kindern. Hier bahnen sich neue Facing Erfahrungen an. Das Kind erfährt nach und nach, dass es so etwas wie ein „Ansehen“ bei den anderen Kindern und den Lehrer*innen besitzt. Ein Besitz, zu dem es auch sein Äußeres beiträgt. Die Ein- und Ausschlusskämpfe in Grüppchen und Cliquen in dieser Zeit tragen viel zur sozialen Erfahrung und späteren Erwartung bei.

Facing in der Pubertät

Ab der Pubertät kommt eine neue Qualität des „Anschauens“ ins Spiel. Das Schauen und Angeschaut-Werden wird mit erotischen Qualitäten angereichert. Die Frage der eigenen Attraktivität und das Outfit spielen eine größere Rolle als zuvor. Anschauen wird nun auch gerne zur Betrachtung im Spiegel, der die Augen der imaginären Betrachter ersetzt.

Facing im Körper

Facing ist körperlich mit den Sinnesorganen, v.a. den Augen verbunden. Die Augen wiederum werden erst durch ihre Muskulatur voll nutzbar und die Sinneseindrücke erst durch ihre Benennung sinnvoll. Die verschiedenen Möglichkeiten von Ungleichgewichten können beschrieben werden als: Beziehung zwischen sehen (und anerkennen) dessen was ist; nicht sehen (anerkennen) was ist; sehen was nicht ist; nicht sehen was nicht ist. Der erste dieser Fälle wäre eine gute Facing Fähigkeit. Die Fälle zwei bis vier sind Verzerrungen zwischen Wahrnehmung und Realität. Sehen was nicht ist, wäre eine Halluzination, Nicht sehen was ist, eine Verleugnung, ebenso wie nicht sehen was nicht ist – z.B. einen Mangel nicht anzuerkennen.
Verzerrungen der Sichtweisen gehen gerne mit muskulären Ungleichgewichten einher. Starre Augen, ein entrückter Blick, wenig oder zwanghafter Augenkontakt und möglicherweise auch Fehlsichtigkeiten können auf problematische Facingerfahrungen hinweisen.

Facing und Therapie

Im engeren Sinn geht es beim Facing in der Therapie um die Verwendung der Sinnesorgane und um deren Befreiung aus einengenden Wahrnehmungsmustern.
Im weiteren Sinn könnte man die therapeutische Arbeit insgesamt als eine Art Facing betrachten. Die gemeinsamen Erfahrungen werden in Worte gefasst, der/die Therapeut*in bietet den Klient*innen Spiegelungen an, schildert seine Wahrnehmungen und sein Verständnis der Mitteilungen der Klienten. Dies ist eine Gelegenheit für Klient*innen, sich neu zu erfahren, sich mit neuen Begriffen und aus einer anderen Perspektive reflektieren zu lernen.
Grounding, Centering und Facing sind drei Pole oder drei Aspekte von Realitätswahrnehmung, Anerkennung und Gestaltung. Sie sind unterscheidbare Aspekte jeder Situation und können gezielt adressiert werden, kommen aber niemals alleine für sich vor.