Die Psychosomatik erkundet Empathie und Achtsamkeit

Empathie und Achtsamkeit

Bericht vom Kolloquium „Seele – Körper – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg, Vortrag von: Philipp Kanske, Prof. Dr. rer. nat., Klinische Psychologie und Behaviorale Neurowissenschaft, TU Dresden

Einführung

Empathie und Achtsamkeit sind die Themen der Stunde in der Psychotherapie und der Neuro-Psychotherapie. Der Untertitel des Vortrags – „Psychopathologie und Training des sozialen Gehirns“ – stimmt uns auf den Schwerpunkt der Forschung von Herrn Kanske ein.
Warum beschäftigt sich die Forschung mit diesen Themen? Weil die kognitiven Prozesse in sozialen Interaktionen höchst komplex sind. „Wie können wir einander überhaupt verstehen?“ Wäre eine weitere Frage, und eine Teilantwort darauf lautet: „Theory of Mind (ToM)“. Dieser Begriff umschreibt die Fähigkeit, dass Menschen, etwa ab dem vierten Lebensjahr, imstande sind, sich vorzustellen, dass andere Menschen einen eigenen Gesichtspunkt, Gedanken, Absichten und Wünsche haben, wie man selbst. Diese Fähigkeit wird gerne auch als „soziales Gehirn“ bezeichnet.
Soziale Integration ist eine zentrale Quelle von Resilienz. Ohne sie droht Einsamkeit, der Verlust sozialer Unterstützung und das Risiko zu sterben erhöht sich messbar. So ist der Verlust von sozialer Teilhabe für das Leben riskanter, als z.B. zu rauchen. Und, vielleicht überraschend, es sind die kleinen Begegnungen des Alltags – der Nachbar mit dem Hund, die Briefträgerin, die Verkäufer*innen, die einen grüßen, denen man zulächelt, die einen noch stärken positiven Einfluss haben, als die familiären Kontakte.
Das Institut von Herrn Kanske hat dazu in der aktuellen Corona Situation geforscht. Menschen mit psychischen Vorerkrankungen waren deutlich mehr von den Folgen des Lockdowns betroffen, als Menschen ohne Vorerkrankung. Der Stress, der von sozialer Isolation induziert wird, wirkt sich dabei auch subjektiv aus. Die empfundene soziale Isolation – die nicht mit der tatsächlichen Anzahl der Kontakte übereinstimmen muss – wirkt pathogen. Sie kann sogar dazu führen, dass Menschen sich empathisch unverbunden erleben.

Empathie

Was unter „Empathie“ verstanden wird, hat eine große Bandbreite. Es geht um solche Aspekte wie: Einfühlungsvermögen, soziale Motivation, Perspektivwechsel (ToM), Sozialverhalten, Mitgefühl, soziale Aufmerksamkeit, Personenerkennung, Bindung, Gesichtswahrnehmung. Herr Kanske hat daraus das Einfühlungsvermögen, das Mitgefühl und den Perspektivwechsel ausgewählt um sie näher zu erforschen.
Was er herausbekommen möchte, ist, wie sich soziale Kognition und Emotion, bestehend aus Empathie und Mitgefühl (positive Gefühle) sowie der ToM im weiteren auf das Sozialverhalten auswirken.
Für solche Forschungen wird heute gerne ein „Scanner“ in Anspruch genommen, denn nur so können Hinweise darauf gefunden werden, welche neuronalen Strukturen die Grundlagen für Mitgefühl darstellen. Die Proband*innen liegen also in der Röhre und sehen einen kleinen Film. Darin berichtet ein Mensch von einem Vorfall – einmal eher neutral und das andere Mal eher emotional. Danach werden die Proband*innen befragt. Zunächst zu ihrer Stimmung, danach, ob sie Mitgefühl empfinden und dann noch, ob sie die Perspektive der Erzähler*in nachvollziehen können.
Da solche Forschungen schon seit längerer Zeit betrieben werden, war das Ergebnis nicht sonderlich überraschend. Die Gehirnstruktur, die bei Stimmungen eine zentrale Rolle spielt, ist die „Insula“. Interessanterweise korreliert die Aktivität der Insel allerdings nicht unbedingt mit der subjektiven Wahrnehmung. Sie kann hohe Aktivität aufweisen, ohne dass der Betreffende eine große Stimmungsänderung wahrnehmen kann.
Das positive Mitgefühl (compassion) braucht das „Striatum“ für sein Erscheinen. Es hat bekanntermaßen mit Fürsorgeverhalten zu tun, ebenso mit Belohnung und lernen. Das positive Mitgefühl unterscheidet sich also auch auf neuronaler Ebene von der Gestimmtheit.
Bei der Untersuchung zu Fragen der ToM stellte sich heraus, dass hier insbesondere der tempoparietale Übergang eine wichtige Rolle spielt. Diese Region scheint eine Art „Generalfaktor der sozialen Intelligenz“ zu sein.
Haben nun Stimmung, Mitgefühl und ToM etwas miteinander zu tun? Bedeutet gutes Einfühlungsvermögen auch gutes Eindenkvermögen? Nein. Es zeigen sich keine Korrelationen zwischen diesen beiden Vermögen. Aber um das noch genauer zu überprüfen hat das Institut von Herrn Kanske eine große Metaanalyse zur sozialen Neuroforschung durchgeführt.
Das Ergebnis zeigt, dass es eine ganze Reihe von Testaufgaben für die Erforschung der Empathie, als auch der Erforschung der ToM gibt. Es gibt aber auch noch einen Zwischenbereich, der sich nicht so eindeutig zuordnen lässt. In diesem Bereich zeigen sich Verbindungen von Gehirnstrukturen, die sonst eher selten miteinander interagieren. Hier findet sich auch am ehesten eine negative Korrelation zwischen Mitgefühl und ToM – wenn ich mit dem einen beschäftigt bin, rückt das andere eher in den Hintergrund. Gerade komplexe Aufgabenstellung werden auch komplex verarbeitet. Hier steht die Forschung noch ziemlich am Anfang.
Die Hoffnung besteht, dass auf diese Art auch psychische Störungen besser verstanden werden können, denn bei vielen psychischen Störungen sind es genau die Fähigkeiten der ToM und der Empatie, die beeinträchtigt sind.

Soziales Verhalten

Um einen Einblick in den Zusammenhang von Empathie und Sozialverhalten zu bekommen, wurde dem experimentellen Setting eine weitere Frage hinzugefügt, nämlich: Ob die Proband*in bereit wäre, der Person in dem Film zu helfen. Und ja, der Wille zu helfen war zunächst eindeutig stärker, wenn die Geschichte emotional erzählt wurde. Die ToM hatte allerdings kaum einen Einfluss auf die Hilfsbereitschaft.
Ein weiterer Test war ein „Spendenspiel“. Es ging darum von geschenkten fünfzig Euro etwas an eine gemeinnützige Organisation zu spenden. Viele Spenden wurden gesammelt und die Befragung danach versuchte herauszufinden, ob empathische Gründe oder Perspektivgründe für das Spenden eine Rolle gespielt haben. Diese Experimente wurden dann auch für Vorhersagen geprüft, und tatsächlich kann man mit einem vorhergehenden Scan der Affektivität zu gut 60% vorhersagen, ob der Proband spenden wird.
Nun kommt noch ein kleiner Exkurs. Im Rahmen der obengenannten Experimente wurde eine kleine Variation vorgenommen. Die Proband*innen bekamen neutrale oder emotionale Musik eingespielt. Im Ergebnis stellt sich heraus, dass emotionale Musik das Mitgefühl verstärkt, was aber nicht der Fall war, wenn die Geschichte neutral erzählt wurde. Auf die ToM hatte die Musik keinen Einfluss.

Achtsamkeit & Co

Herr Kanske hat auch im Team von Tanja Singer mitgearbeitet, die Effekte von Achtsamkeit erforscht hat und erforscht. Worum geht es? Es gibt drei Arten von Trainingsmodulen – Präsenz, Affektivität und Perspektive. Präsenz umfasst die Aufmerksamkeit, innere Achtsamkeit, auf den Atem und den Körper zu spüren. Affekt umfasst Mitgefühl, prosoziale Motivation, Akzeptanz von Gefühlen. Das wurde mit Freundlichkeits- und Mitgefühlsmeditationen geübt und in einer Partnerübung als Erzählung über alltägliche Schwierigkeiten und Dankbarkeit. Das Perspektivmodul umfasst die Metakognition (denken über Gedanken), eigene und andere Perspektiven zu erfassen. Als Übung dafür ist die Meditation der Beobachtung der eigenen Gedanken geeignet und das Modell der „Inneren Familie“. Darin kommen verschiedene „Familienmitglieder“ zu Wort, wenn es um irgendein Thema geht. Ein Proband erzählt einem anderen eine Wortmeldung und dieser darf erraten, um welches Familienmitglied es sich handelt.
Insgesamt dauert so ein Training länger als ein Jahr. Nach einem Retreat zur Einstimmung werden die Gruppen geteilt. Beide Gruppen beginnen mit Präsenzübungen, aber dann macht eine Gruppe mit Affektivität weiter und die andere mit Perspektive, die andere Gruppe in umgekehrter Reihenfolge. Dazu gab es noch eine Kontrollgruppe, die gar nichts trainiert hat.
Bei der Nachuntersuchung wurde umfangreich ermittelt, welche Veränderungen sich ergeben haben. Als Ergebnis zeigte sich, dass Mitgefühl vor allem nach dem Affektmodul angestiegen ist, und dass sich die Fähigkeit der ToM vor allem nach dem Perspektivmodul gesteigert hat. Aber es gab nicht nur diese relativ weichen Ergebnisse, sogar in der Gehirnstruktur wurden Veränderungen festgestellt. Die „Corticale Dicke“ also die Zellen der Hirnrinde haben sich vermehrt und zwar entsprechend den Bereichen, von denen wir schon weiter oben gehört haben – also z.B. die Insel, wenn es um Empathie geht.

Selbstberichtetes Sozialverhalten

Natürlich wurden die Proband*innen auch mit Spielen getestet. Sie zeigten vermehrt Altruismus, Großzügigkeit, Vertrauen und Hilfsbereitschaft. Reziprozität stieg allerdings nur durch das Affektmodul an. Wurden allerdings die Selbstbeschreibung mit den tatsächlichen prosozialen Verhalten verglichen zeigten sich Abweichungen. Die Menschen handelten nicht so nobel, wie sie selbst von sich glaubten.

Psychosozialer Stress

Stress wird gerne mit dem „Trierer Stresstest“ gemessen – einer unerfreulichen Prüfungssituation. Es zeigte sich, dass das reine Präsenztraining keinen Effekt auf den Stresslevel hat. Aber das gesamte Training war durchaus in der Lage, den Stress zu lindern.

Subklinische Veränderungen

Alle Proband*innen waren psychische gesunde Menschen. Aber auch solche Menschen zeigen in Tests subklinische Anzeichen wie z.B. Depressivität, Ängstlichkeit, Narzissmus, Einsamkeit etc. Die Frage war nun, ob sich hier nach dem Training eine Veränderung eingestellt hat. Das lies sich spezifisch nicht ermitteln, aber über die Summe der festgestellten Veränderungen konnte man immerhin aussagen, dass ein Training absolviert worden war.
Bei noch genauerer Auswertung wollten die Forscher*innen anhand der Testveränderungen vorhersagen, ob der Betreffende z.B. ein Affekt- oder ein Präsenzmodul absolviert hat und hier ergab sich ein positives Ergebnis. So ergaben sich spezielle Cluster, die zeigten für welche Bereiche, welches Modul am hilfreichsten ist. So hilft Affekt Training z.B. für Kardiovaskuläre Problem oder auch Ängstlichkeit; Perspektivtraining ist u.a. hilfreich für die Stresswahrnehmung, und Präsenz Training hilft bei Unsicherheit.
Herr Kanske fasst zusammen: Empathie, Mitgefühl und ToM sind unterschiedliche Aspekte der sozialen Kognition und Emotion. Es ist möglich, diese Fähigkeiten gezielt „anzusteuern“ und einzuüben. Betroffene können so von ihren neuen Fähigkeiten profitieren, dass sie über ein verändertes Sozialverhalten neue soziale Situationen mitkreieren, die wiederum die erworbenen Veränderungen weiter unterstützen.
Den ganzen Vortrag kann man sich hier anhören.

Die Psychologie philosophiert über Empathie

Grafik von zwei menschlichen Gesichtern, die sich ansehen

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquium „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 05.06.18

Von Prof. Dr. phil. Thiemo Breyer „Empathie – Grundlagenforschung und ethische Konsequenzen“

Herr Breyer möchte uns einen Einblick in die Komplexität des Empathie Begriffs geben. Empathie ist gewissermaßen das Thema der Stunde in Psychologie, Psychotherapie, Soziologie und auch der Philosophie. Diskutiert wird sowohl darüber, was Empathie ist, wie sie zustande kommt, was das jeweils bedeuten kann und ob sich daraus ethische Konsequenzen ziehen lassen.

Zum Einstieg erzählt Herr Breyer eine kleine Geschichte, die als Vignette für Empathie Themen dienen soll.

> Nach einem frustrierenden Arbeitstag kommt ein Mann mürrisch auf eine Geburtstagsparty. Die festlich heitere Stimmung dort steckt ihn an und seine Frustration verschwindet – er freut sich mit seinem Freund, der Geburtstag hat. Dann wird auch noch gemeinsam das Geburtstagslied gesungen. Dabei fällt dem Gast auf, dass ein anderer Gast nicht mitsingt. Er spekuliert über die Gründe, für dieses Verhalten. Ist der Nicht-Sänger schüchtern, hat er schlechte Laune, kann er vielleicht nicht singen? Aber in diesem Moment beginnt ein schon angetrunkener Gast an in sehr schräger Tonlage mitzusingen. Einige Gäste fangen an zu kichern und der Mann bekommt selbst auch einen kaum zu beruhigenden Kicheranfall. Dabei sieht er, dass die Gastgeberin offenbar betroffen über das Verhalten des Betrunkenen ist. Er schämt sich ein wenig für diesen und überlegt, ob er die Gastgeberin trösten soll. <

Aus dieser Geschichte lassen sich typische, empathisch relevante, Phänomene ziehen:

  1. Die affektive Resonanz, die in Stimmungen und Atmosphären auftritt
  1. Das Ausdrucksverstehen, die Mitfreude an der Freude des Jubilars
  1. Die leibliche Synchronisation, das gemeinsame Singen
  1. Die Mentalisierung, das Nachdenken über Gründe von anderen
  1. Die Gefühlsansteckung, unwillkürliches Mitkichern
  1. Die stellvertretende Emotion, die Fremdscham für den Betrunkenen
  1. Die Simulation, imaginatives Hineinversetzen in die Gastgeberin

Diese Dimensionen von Empathie lassen sich kategorisieren als:

leiblich-körperliche

  • Resonant (Synchronisierung)
  • Expressiv (Ausdrucksverstehen)

affektiv-emotionale

  • Partizipierend (Mitfreude, Mitleid)
  • Stellvertretend (Fremdscham)
  • Invertierend (Schadenfreude, Neid)

kognitive

  • Inferentiell (Theoretisierung)
  • Imaginativ (Transposition)

Dieses breite Spektrum von Empathie wird von den wenigsten Theorien eingefangen. Die meisten gängigen Theorien versuchen sie aus einem Teil des Spektrums abzuleiten und zu erklären. Z.B. werden Theorien zu angeborenem Verhalten, bzw. erlerntem Verhalten; oder Simulationstheorien die neuronale oder imaginative Prozesse favorisieren; Phänomenologische Theorien, die sich auf Zwischenleiblichkeit und Expressivität stützen; und in letzter Zeit sehr beliebt die Narratologischen Theorien, die mit expliziten Erzählungen oder narrativen Erfahrungen arbeiten.

Herr Breyer versucht auf phänomenologischem Weg (als wie die Dinge von sich her erscheinen) auf den Grund zu kommen. Dazu beschreibt er die Grenzen von empathischen Dimensionen er benennt diese folgendermaßen:

  • Die leibliche-körperliche Dimension findet ihre Grenzen in der Resonanzfähigkeit, und der Vertrautheit mit dem Ausdruckssinn
  • In der affektive-emotionalen Dimension bestehen Grenzen im Gemütszustand, der Haltung und der Verbundenheit.
  • In der kognitiven Dimension schließlich werden Grenzen durch die Lebenserfahrung, die Vorstellungskraft und das Denkvermögen gesetzt.

Damit kommt Herr Breyer zum zweiten Teil seines Vortrags, dem ethischen Diskurs.

Er fragt danach, wie äußere Faktoren die Grenzen der Empathie mit beeinflussen oder gar stören können. Als Beispiel nennt er totalitäre Religionssysteme, die auch ein affektives Regime ausbilden. Wie kann unter solchen Umständen die Empathie wachgehalten werden, wenn so starke Einflüsse auf sie einwirken.

Mögliche Einflüsse gibt es zahlreiche. So können Wissens- oder Glaubensinhalte (kognitive Ebene) auf die Mitleidsfähigkeit einwirken; Mimische oder gestische Synchronie (leiblich-körperliche Ebene) können das Mitgefühl und die Kommunikationsbereitschaft beeinflussen; ebenso können extreme Gefühle die Urteilsfähigkeit trüben – usw. usf.

Philosophische Perspektiven

Es folgt ein Ausflug in die Philosophiegeschichte und diese beginnt mit den Erwägungen aus Max Schelers Werk: „Wesen und Formen der Sympathie“. Darin benennt Scheler vier Dimensionen von affektiv-emotionaler Empathie.

  • Die Gefühlsansteckung (dyadisch bis massenhaft)
  • Das Nachfühlen (Verstehen ohne Mitfühlen)
  • Das Mitfühlen (Teilen des Gefühls des Anderen)
  • Die Liebe und der Hass („geistige Gefühle“)

Natürlich hatte Scheler viele Vorgänger, die sich mit dem Thema befasst haben. Wir erfahren von Immanuel Kant, der in Mitfreude und Mitleid zwar sinnliche Gefühle sieht, diese aber so verwendet wissen will, dass sie zur Pflicht der Mitmenschlichkeit verwendet werden.

Arthur Schopenhauer, gewissermaßen der deutsche Pionier der Mitleidsethik, sieht im Mitleid bereits den Impuls zu helfen am Werk. Er möchte Mitleid als „wirkliche Basis“ von „freier Gerechtigkeit und echter Menschenliebe“ definieren.

Die zeitgenössische Forschung von z.B. Michael Tomasello versucht zu zeigen, dass Mitgefühl und Altruismus evolutionäre Entwicklungen und damit angeboren sind. Als Beleg sehen wir einen kleinen Film, in dem sehr kleine Kinder ziemlich tollpatschigen Erwachsenen spontan zur Hilfe kommen.

Empathie im sozialen Sinn wurde von J.J. Rousseau betrachtet und sein ernüchternder Befund ist, dass das Mitgefühl mit der Entfernung abnimmt. Wohingegen Aristoteles feststellte, dass Leiden, das uns zu nahekommt, ebenfalls dem Mitgefühl abträglich sei. Aristoteles sieht im Mitgefühl eine Art Schmerz.

Eine andere Variante kommt aus der Stoa. Deren Vertreter Cicero befürwortet eine kühle Variante von Mitleid – natürlich ist es gut, den Leidenden zu helfen, aber mit-Leiden würde das Leid nur vergrößern und das erscheint unvernünftig.

Max Scheler kommt noch einmal zum Zuge. Er kam zu der Einsicht, dass Mitgefühl in all seinen Formen „prinzipiell wertblind“ ist, denn man könnte ja auch Mitfreude mit jemandem haben, der sich an seiner Bosheit erfreut.

Die amerikanische Philosophin Marta Nussbaum stellt ernüchternd fest, dass Empathie zum Guten oder zum Bösen verwendet werden kann. Ihr Beispiel ist der Folterknecht, der sich seines Mitgefühls bedient, um möglichst große Schmerzen zuzufügen.

Eine Sichtweise aus der Kognitionswissenschaft

Einen anderen kritischen Aspekt von Empathie sieht Fritz Breithaupt. Er stellt fest, dass mit der Empathie eine Parteinahme erfolgt, die durch Erzählstrategien legitimiert wird. Die Formen dieser Parteinahme können strategisch dem Eigennutz dienen; judikativ, auf der Basis einer Beurteilung darüber wer Recht hat, erfolgen; oder selbst-reflexiv, aufgrund der eigenen Position begründet werden. Dies führt ihn zu der Theorie, dass ein Mechanismus der Narration Empathie erlaubt und auch, dass Narration nur auf der Basis einer entwickelten Empathie Fähigkeit möglich ist.

Breithaupt hat auch sog. Empathie Blockaden erforscht. Er stellt fest, dass nicht alle Menschen auf narrative Empathie Angebote eingehen. Dies ist vom Bildungsgrad und der persönlichen Erfahrung abhängig. Weitere Einflüsse bestehen in der Situationsbedingtheit, in Schuldzuweisungen, sonstigen Attributionen und Gruppenzugehörigkeiten.

Strategien um Empathie Blockaden zu rechtfertigen wären z.B. die Rückwendung der Empathie auf sich selbst: >Ich habe so gelitten als ich dieses Unrecht begehen musste< oder noch perfider die Strategie der Dehumanisierung des Anderen: >das ist gar kein richtiger Mensch<. Damit kommt Herr Breyer zum Resümee seines Vortrags.

  • Es gibt eine Vielzahl von Empathie Konzepten und –Definitionen
  • Die phänomenologische Struktur von Empathie ist leiblich und affektiv und kognitiv
  • Auf jeder Ebene ist Empathie auch begrenzt
  • Es gibt eine Vielzahl von Bewertungen von Empathie in ethisch-moralischer Hinsicht (positiv wie negativ)
  • Es gibt relevante Wechselwirkungen zwischen den Ebenen
  • Relevant ist auch der Umgang mit ihr
  • Es lässt sich ein antagonistisches Wechselspiel von prosozialen und antisozialen, altruistischen und egoistischen Tendenzen feststellen
  • Empathie entwickelt ihr Sein in einem Spannungsfeld von kooperativen und kompetitiven Strategien
  • Es gibt eine Strukturanalogie zwischen dem ethischen Problem der Empathie und der menschlichen Freiheit allgemein
  • Empathie zu kultivieren ist eine mögliche Emanzipation – Perspektivenflexibilität besser als Solipsismus.

Am Ende des Vortrags fühle ich mich etwas erschlagen von der Fülle von Informationen.

Die Psychologie entdeckt die Neurobiologie

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquium „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 17.04.18

Von Prof. Dr. Grit Hein: „Was uns antreibt – Über die Neurobiologie sozialer Motive“

Frau Hein beginnt ihren Vortrag damit, dass sie uns die Gedanken bekannter Denker zum Thema „Motivation“ präsentiert z. B. Leonardo da Vinci: „Motive sind die treibende Kraft des Lebens“; Thomas Mann: „Motive verstehen heißt menschliches Verhalten verstehen“; Immanuel Kant: „Eine Handlung ist dann wesentlich gut, wenn die Motive des Handelnden gut sind, unabhängig von den Auswirkungen.“

Theorien zur Motivation

Wo Künstler, Schriftsteller und Philosophen ein Thema bedenken kann die Wissenschaft der Psychologie nicht zurückstehen. Im Verlauf der Psychologiegeschichte wurden etliche Motivationstheorien entwickelt, die verschiedene Schwerpunkte gesetzt haben. So die Theorie von Henry M. Murray, der Motive als stabile Persönlichkeitseigenschaften ansah und die von den Grundbedürfnissen nach Kontrolle und Zugehörigkeit charakterisiert sind.
Dieser Ansatz wurde von David McClelland weiter ausdifferenziert in die Grundmotive von Zugehörigkeit, Macht und Leistung, denen jeweils Wünsche und Befürchtungen entsprechen, die das menschliche Verhalten beeinflussen.
Relativ bekannt ist die Maslow’sche Bedürfnispyramide mit ihren Defizitbedürfnissen und ihren Wachstumsbedürfnissen – in der Folie der Vortragenden „Unstillbare Bedürfnisse“ genannt. Maslow ordnete physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse und soziale Bedürfnisse als Grundlagen, die erfüllt sein müssen an. Sie bilden die Basis der Pyramide und ihre Nichterfüllung motiviert die Betroffenen maximal. Erst wenn diese Grundlagen gewährleistet sind kann ein Mensch nach Maslow sich um Geltung und Selbstverwirklichung kümmern.
Eine weitere Betrachtung unterscheidet zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Intrinsisch entstehen Neugier und emotionale Anreize, sowie Erfolgserwartungen; Extrinsisch wir positive Verstärkung in Form von Belohnungen oder negative Verstärkung im in Form von Zwang erfahren.

Sind Motive änderbar?

Die Lieblingstheorie von Frau Hein ist allerdings die von Kurt Lewin, der Motive als veränderbar ansieht. Für ihn reflektieren Motive das ultimative Ziel von Individuen, was sich für Verhaltensvorhersagen nutzen lässt. Weiter behauptet er, dass Motive aktivierbar und situativ veränderbar sind, was dann die Basis für Interventionen darstellt.
Das Problem der Psychologie mit den Motiven ist, dass sie nur schwer erfassbar sind. Motive sind privat und nicht beobachtbar. Darüber hinaus können unterschiedliche Motive zu gleichem Verhalten führen. Als Beispiel sehen wir ein Foto von zwei Männern, die eine Couch tragen. Einer von ihnen zieht um, der andere hilft. Hilft er weil er Empathie zeigen möchte? (Hier mit dem Ziel des Wohlergehens des anderen verbunden), oder hilft er aus Reziprozitätsgründen? (mit dem Ziel einen Gefallen zu erwidern)

Forschung in der Röhre

Frau Hein möchte uns darüber aufklären, mit welchen Tricks sie diesen Fragen nachforscht. Aber zuvor gibt sie uns eine Einführung in die nicht-invasiven Techniken der Neurobiologie. Sie selbst forscht am häufigsten mit der „fMRT“, der funktionellen Magnetresonanztomografie. Ihre Begeisterung für diese technischen Möglichkeiten sind ihr anzumerken, denn sie ermöglichen ein „nicht-invasives Maß, welches Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln abbilden kann“ (dem philosophisch Halbgebildeten sträuben sich die Haare bei solchen Formulierungen). Eine neue Variante der Technik ist, dass nun nicht nur bunte Bilder von Gehirnregionen gezeigt werden können, sondern auch welche Gehirnbereiche, in welchen zeitlichen Mustern miteinander interagieren. Genau dies ermöglicht nämlich erst die Unterscheidung von Empathie und Reziprozität in der Gehirntätigkeit.

Im sogenannten „interaktiven Paradigma“ – was so viel heißt, dass der Proband in der Röhre liegt, aber die Hände von Mitmenschen sehen kann, die neben der Röhre sitzen – werden nun Versuche mit sozialen Gefühlen gemacht. Die derzeit beliebten Spiele der Neuroforschung haben häufig damit zu tun, wie Geldbeträge aufgeteilt werden. Für die meisten Menschen ist eine Teilung von vierzig zu sechzig Prozent akzeptabel (d.h. sie nehmen die vierzig Prozent, weil sonst das Geld weg wäre). Dies wird nun kombiniert mit einem bekannten Phänomen, der Empathie Einschränkung gegenüber Out-Group Mitgliedern – Menschen sind in aller Regel empathischer mit Mitglieder der eigenen Gruppe.

Außerdem ist die Möglichkeit bekannt, Empathie und/oder Reziprozität zu induzieren, also von außen herbeizuführen. Empathie in der Form, dass vor dem Teilungsversuch Bilder des später zu Begünstigendem gezeigt werden, wo dieser Schmerz empfindet. Wer einen leidenden Menschen sieht, ist eher geneigt, ihm Empathie entgegenzubringen. Reziprozität lässt sich so induzieren, dass derjenige, der das Geld aufteilen darf ein Bild sieht, auf dem sein Spielpartner Geld dafür bezahlt, damit dem Verteiler kein Schmerz zugefügt wird.

Mit herkömmlicher fMRT lassen sich keine Unterschiede zwischen diesen beiden Motiven feststellen. Erst wenn das „Dynamic Causal Modelling“ verwendet wird, dass die räumliche und zeitliche Verteilung der Gehirnprozesse zeigt, werden die Unterschiede sichtbar.
Frau Hein berichtet von einem Experiment in Zürich, in dem Schweizer und Bosnier (In-Group/Out-Group) so miteinander interagieren mussten, dass sie lernen konnten, auch den Out-Group zugehörigen ein identisches Maß an Empathie und Reziprozität aufbringen konnten – Vorurteile lassen sich verlernen!

Zukunftsaussichten

In ihren Abschlussworten betont sie, dass diese Methodik noch sehr am Anfang steht und dass sie bis auf weiteres keinesfalls die Möglichkeit eröffnen wird, Motive zu entlarven. Die Wirklichkeit ist enorm komplex und maschinelles „Mind-Reading“ liegt noch in weiter Ferne, falls es überhaupt möglich ist.
Einen Anwendungsbereich sieht sie jedoch für die klinische Psychologie zur Darstellung und Diagnostik von „motivationalen Defiziten“ bei psychischen Erkrankungen.
Abgesehen von der etwas langatmigen Technikerklärung war es ein recht interessanter Vortrag für mich. Wieder einmal dachte ich, dass der Zugang technischer Möglichkeiten zur Psyche eine recht zweischneidige Angelegenheit ist. Sie gewährt einerseits mehr Verständnis für die neuronalen Prozesse der Psyche, mit der Gefahr, diese auf neuronale Tätigkeiten zu reduzieren. Sie eröffnet andererseits auch Möglichkeiten der Beeinflussung, über deren möglichen Missbrauch, sich die Zunft scheinbar wenig Gedanken macht.