Die Psychosomatik erkundet Empathie und Achtsamkeit

Empathie und Achtsamkeit

Bericht vom Kolloquium „Seele – Körper – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg, Vortrag von: Philipp Kanske, Prof. Dr. rer. nat., Klinische Psychologie und Behaviorale Neurowissenschaft, TU Dresden

Einführung

Empathie und Achtsamkeit sind die Themen der Stunde in der Psychotherapie und der Neuro-Psychotherapie. Der Untertitel des Vortrags – „Psychopathologie und Training des sozialen Gehirns“ – stimmt uns auf den Schwerpunkt der Forschung von Herrn Kanske ein.
Warum beschäftigt sich die Forschung mit diesen Themen? Weil die kognitiven Prozesse in sozialen Interaktionen höchst komplex sind. „Wie können wir einander überhaupt verstehen?“ Wäre eine weitere Frage, und eine Teilantwort darauf lautet: „Theory of Mind (ToM)“. Dieser Begriff umschreibt die Fähigkeit, dass Menschen, etwa ab dem vierten Lebensjahr, imstande sind, sich vorzustellen, dass andere Menschen einen eigenen Gesichtspunkt, Gedanken, Absichten und Wünsche haben, wie man selbst. Diese Fähigkeit wird gerne auch als „soziales Gehirn“ bezeichnet.
Soziale Integration ist eine zentrale Quelle von Resilienz. Ohne sie droht Einsamkeit, der Verlust sozialer Unterstützung und das Risiko zu sterben erhöht sich messbar. So ist der Verlust von sozialer Teilhabe für das Leben riskanter, als z.B. zu rauchen. Und, vielleicht überraschend, es sind die kleinen Begegnungen des Alltags – der Nachbar mit dem Hund, die Briefträgerin, die Verkäufer*innen, die einen grüßen, denen man zulächelt, die einen noch stärken positiven Einfluss haben, als die familiären Kontakte.
Das Institut von Herrn Kanske hat dazu in der aktuellen Corona Situation geforscht. Menschen mit psychischen Vorerkrankungen waren deutlich mehr von den Folgen des Lockdowns betroffen, als Menschen ohne Vorerkrankung. Der Stress, der von sozialer Isolation induziert wird, wirkt sich dabei auch subjektiv aus. Die empfundene soziale Isolation – die nicht mit der tatsächlichen Anzahl der Kontakte übereinstimmen muss – wirkt pathogen. Sie kann sogar dazu führen, dass Menschen sich empathisch unverbunden erleben.

Empathie

Was unter „Empathie“ verstanden wird, hat eine große Bandbreite. Es geht um solche Aspekte wie: Einfühlungsvermögen, soziale Motivation, Perspektivwechsel (ToM), Sozialverhalten, Mitgefühl, soziale Aufmerksamkeit, Personenerkennung, Bindung, Gesichtswahrnehmung. Herr Kanske hat daraus das Einfühlungsvermögen, das Mitgefühl und den Perspektivwechsel ausgewählt um sie näher zu erforschen.
Was er herausbekommen möchte, ist, wie sich soziale Kognition und Emotion, bestehend aus Empathie und Mitgefühl (positive Gefühle) sowie der ToM im weiteren auf das Sozialverhalten auswirken.
Für solche Forschungen wird heute gerne ein „Scanner“ in Anspruch genommen, denn nur so können Hinweise darauf gefunden werden, welche neuronalen Strukturen die Grundlagen für Mitgefühl darstellen. Die Proband*innen liegen also in der Röhre und sehen einen kleinen Film. Darin berichtet ein Mensch von einem Vorfall – einmal eher neutral und das andere Mal eher emotional. Danach werden die Proband*innen befragt. Zunächst zu ihrer Stimmung, danach, ob sie Mitgefühl empfinden und dann noch, ob sie die Perspektive der Erzähler*in nachvollziehen können.
Da solche Forschungen schon seit längerer Zeit betrieben werden, war das Ergebnis nicht sonderlich überraschend. Die Gehirnstruktur, die bei Stimmungen eine zentrale Rolle spielt, ist die „Insula“. Interessanterweise korreliert die Aktivität der Insel allerdings nicht unbedingt mit der subjektiven Wahrnehmung. Sie kann hohe Aktivität aufweisen, ohne dass der Betreffende eine große Stimmungsänderung wahrnehmen kann.
Das positive Mitgefühl (compassion) braucht das „Striatum“ für sein Erscheinen. Es hat bekanntermaßen mit Fürsorgeverhalten zu tun, ebenso mit Belohnung und lernen. Das positive Mitgefühl unterscheidet sich also auch auf neuronaler Ebene von der Gestimmtheit.
Bei der Untersuchung zu Fragen der ToM stellte sich heraus, dass hier insbesondere der tempoparietale Übergang eine wichtige Rolle spielt. Diese Region scheint eine Art „Generalfaktor der sozialen Intelligenz“ zu sein.
Haben nun Stimmung, Mitgefühl und ToM etwas miteinander zu tun? Bedeutet gutes Einfühlungsvermögen auch gutes Eindenkvermögen? Nein. Es zeigen sich keine Korrelationen zwischen diesen beiden Vermögen. Aber um das noch genauer zu überprüfen hat das Institut von Herrn Kanske eine große Metaanalyse zur sozialen Neuroforschung durchgeführt.
Das Ergebnis zeigt, dass es eine ganze Reihe von Testaufgaben für die Erforschung der Empathie, als auch der Erforschung der ToM gibt. Es gibt aber auch noch einen Zwischenbereich, der sich nicht so eindeutig zuordnen lässt. In diesem Bereich zeigen sich Verbindungen von Gehirnstrukturen, die sonst eher selten miteinander interagieren. Hier findet sich auch am ehesten eine negative Korrelation zwischen Mitgefühl und ToM – wenn ich mit dem einen beschäftigt bin, rückt das andere eher in den Hintergrund. Gerade komplexe Aufgabenstellung werden auch komplex verarbeitet. Hier steht die Forschung noch ziemlich am Anfang.
Die Hoffnung besteht, dass auf diese Art auch psychische Störungen besser verstanden werden können, denn bei vielen psychischen Störungen sind es genau die Fähigkeiten der ToM und der Empatie, die beeinträchtigt sind.

Soziales Verhalten

Um einen Einblick in den Zusammenhang von Empathie und Sozialverhalten zu bekommen, wurde dem experimentellen Setting eine weitere Frage hinzugefügt, nämlich: Ob die Proband*in bereit wäre, der Person in dem Film zu helfen. Und ja, der Wille zu helfen war zunächst eindeutig stärker, wenn die Geschichte emotional erzählt wurde. Die ToM hatte allerdings kaum einen Einfluss auf die Hilfsbereitschaft.
Ein weiterer Test war ein „Spendenspiel“. Es ging darum von geschenkten fünfzig Euro etwas an eine gemeinnützige Organisation zu spenden. Viele Spenden wurden gesammelt und die Befragung danach versuchte herauszufinden, ob empathische Gründe oder Perspektivgründe für das Spenden eine Rolle gespielt haben. Diese Experimente wurden dann auch für Vorhersagen geprüft, und tatsächlich kann man mit einem vorhergehenden Scan der Affektivität zu gut 60% vorhersagen, ob der Proband spenden wird.
Nun kommt noch ein kleiner Exkurs. Im Rahmen der obengenannten Experimente wurde eine kleine Variation vorgenommen. Die Proband*innen bekamen neutrale oder emotionale Musik eingespielt. Im Ergebnis stellt sich heraus, dass emotionale Musik das Mitgefühl verstärkt, was aber nicht der Fall war, wenn die Geschichte neutral erzählt wurde. Auf die ToM hatte die Musik keinen Einfluss.

Achtsamkeit & Co

Herr Kanske hat auch im Team von Tanja Singer mitgearbeitet, die Effekte von Achtsamkeit erforscht hat und erforscht. Worum geht es? Es gibt drei Arten von Trainingsmodulen – Präsenz, Affektivität und Perspektive. Präsenz umfasst die Aufmerksamkeit, innere Achtsamkeit, auf den Atem und den Körper zu spüren. Affekt umfasst Mitgefühl, prosoziale Motivation, Akzeptanz von Gefühlen. Das wurde mit Freundlichkeits- und Mitgefühlsmeditationen geübt und in einer Partnerübung als Erzählung über alltägliche Schwierigkeiten und Dankbarkeit. Das Perspektivmodul umfasst die Metakognition (denken über Gedanken), eigene und andere Perspektiven zu erfassen. Als Übung dafür ist die Meditation der Beobachtung der eigenen Gedanken geeignet und das Modell der „Inneren Familie“. Darin kommen verschiedene „Familienmitglieder“ zu Wort, wenn es um irgendein Thema geht. Ein Proband erzählt einem anderen eine Wortmeldung und dieser darf erraten, um welches Familienmitglied es sich handelt.
Insgesamt dauert so ein Training länger als ein Jahr. Nach einem Retreat zur Einstimmung werden die Gruppen geteilt. Beide Gruppen beginnen mit Präsenzübungen, aber dann macht eine Gruppe mit Affektivität weiter und die andere mit Perspektive, die andere Gruppe in umgekehrter Reihenfolge. Dazu gab es noch eine Kontrollgruppe, die gar nichts trainiert hat.
Bei der Nachuntersuchung wurde umfangreich ermittelt, welche Veränderungen sich ergeben haben. Als Ergebnis zeigte sich, dass Mitgefühl vor allem nach dem Affektmodul angestiegen ist, und dass sich die Fähigkeit der ToM vor allem nach dem Perspektivmodul gesteigert hat. Aber es gab nicht nur diese relativ weichen Ergebnisse, sogar in der Gehirnstruktur wurden Veränderungen festgestellt. Die „Corticale Dicke“ also die Zellen der Hirnrinde haben sich vermehrt und zwar entsprechend den Bereichen, von denen wir schon weiter oben gehört haben – also z.B. die Insel, wenn es um Empathie geht.

Selbstberichtetes Sozialverhalten

Natürlich wurden die Proband*innen auch mit Spielen getestet. Sie zeigten vermehrt Altruismus, Großzügigkeit, Vertrauen und Hilfsbereitschaft. Reziprozität stieg allerdings nur durch das Affektmodul an. Wurden allerdings die Selbstbeschreibung mit den tatsächlichen prosozialen Verhalten verglichen zeigten sich Abweichungen. Die Menschen handelten nicht so nobel, wie sie selbst von sich glaubten.

Psychosozialer Stress

Stress wird gerne mit dem „Trierer Stresstest“ gemessen – einer unerfreulichen Prüfungssituation. Es zeigte sich, dass das reine Präsenztraining keinen Effekt auf den Stresslevel hat. Aber das gesamte Training war durchaus in der Lage, den Stress zu lindern.

Subklinische Veränderungen

Alle Proband*innen waren psychische gesunde Menschen. Aber auch solche Menschen zeigen in Tests subklinische Anzeichen wie z.B. Depressivität, Ängstlichkeit, Narzissmus, Einsamkeit etc. Die Frage war nun, ob sich hier nach dem Training eine Veränderung eingestellt hat. Das lies sich spezifisch nicht ermitteln, aber über die Summe der festgestellten Veränderungen konnte man immerhin aussagen, dass ein Training absolviert worden war.
Bei noch genauerer Auswertung wollten die Forscher*innen anhand der Testveränderungen vorhersagen, ob der Betreffende z.B. ein Affekt- oder ein Präsenzmodul absolviert hat und hier ergab sich ein positives Ergebnis. So ergaben sich spezielle Cluster, die zeigten für welche Bereiche, welches Modul am hilfreichsten ist. So hilft Affekt Training z.B. für Kardiovaskuläre Problem oder auch Ängstlichkeit; Perspektivtraining ist u.a. hilfreich für die Stresswahrnehmung, und Präsenz Training hilft bei Unsicherheit.
Herr Kanske fasst zusammen: Empathie, Mitgefühl und ToM sind unterschiedliche Aspekte der sozialen Kognition und Emotion. Es ist möglich, diese Fähigkeiten gezielt „anzusteuern“ und einzuüben. Betroffene können so von ihren neuen Fähigkeiten profitieren, dass sie über ein verändertes Sozialverhalten neue soziale Situationen mitkreieren, die wiederum die erworbenen Veränderungen weiter unterstützen.
Den ganzen Vortrag kann man sich hier anhören.

Die Psychosomatik entdeckt die Zeit

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquiums „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg
16.07.19
„Wie die Zeit vergeht. Psychologie und Neurobiologie des Zeitgefühls – Einblicke in die Psychopathologie“
von Marc Wittmann, Priv.-Doz. Dr. hum. biol., Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene Freiburg

Herr Wittmann stellt uns den Ablauf seines Vortrags vor. Er möchte uns zunächst die Grundlagen des Zeitgefühls vermitteln, dann übergehen zu „Verkörperter Zeit“, uns dann einige Außergewöhnliche Bewusstseinszustände vorstellen und zuletzt über neue Ansätze in der Psychotherapie berichten.

Wie entsteht unser Gefühl für Zeit?

Es gibt zwei Typen der Zeitwahrnehmung. Die erste betrifft das Verhalten und dreht sich um die Koordination von Wahrnehmung und Handlung. Der Umgang mit äußeren Ereignissen spielt sich in Zeiträumen von Millisekunden bis wenige Sekunden ab. Die zweite dreht sich um das Erleben. Im Spektrum von Langeweile bis Zeitdruck wird Zeit zur subjektiven Erfahrung. Es dreht sich um Zeiträume von Sekunden bist Minuten.
Wir können eine Zeitperspektive aus der Rückschau einnehmen – und Vorfälle aus dem Gedächtnis abrufen. Das betrifft sowohl Urlaube – in denen uns die Zeit langsam zu vergehen scheint, als auch tägliche Routinen, in denen die Zeit scheinbar schneller fließt.
Die prospektive (im Moment erlebte) Zeitperspektive lenkt die Aufmerksamkeit auf den Zeitablauf selbst. Wenn wir warten müssen scheint sie zäh zu fließen. Bei Ablenkungen wiederum vergeht die Zeit schneller.
Die subjektive Zeit ist immer noch ein Rätsel für die Wissenschaft, aber immerhin gibt es ein psychologisches Modell, das von einem Taktgeber Impulse ausgehen lässt, die über einen Schalter zu einem Akkumulator weitervermittelt und dort als Zeit gezählt wird.
Es zeigen sich auch Hinweise darauf, dass Zeitwahrnehmung mit der Aufmerksamkeit zu tun hat – wenn ich sehr auf mich fokussiert bin, dehnt sich die Zeit, wenn ich sehr auf Handlungen fokussiert bin, fließt sie schneller. Und auch, dass höhere Erregung die Zeit schneller vergehen lässt und Ruhe sie verlangsamt deutet sich schon an.

„Verkörperte Zeit“

Aktuelle und historische Evidenzen – These: unsere Körpersignale informieren uns über den Zeitverlauf
Herr Wittmann hat Belege aus dem dritten Jahrhundert v.u.Z. gefunden, die ebenfalls den Zusammenhang von äußeren Phänomenen und innerer Erregung nahelegen.
Dies wurde auch in einem Experiment bestätigt. Darin wurden Probanden in einem Raum ohne Ablenkung dazu gebracht, siebeneinhalb Minuten zu warten. Im Anschluss daran sollten sie schätzen, wie lange sie gewartet hatten. Das Ergebnis war, dass impulsivere Menschen aufmerksamer für die Zeit waren, dass ihnen das Warten eher unangenehm erschien und dass sie die Zeitdauer tendenziell überschätzten.
Dann werden wir noch auf das Feld der Neurobio- und Psychologie geführt. Herr Wittmann kann uns nur berichten, dass es zahlreiche Funktionsmodelle für Zeitwahrnehmung gibt, aber kein Einvernehmen darüber. Auch der Versuch, die neuronalen Korrelate im Gehirn zu finden sind bisher nicht von Erfolg gekrönt.
Allerdings gibt es neue Metastudie, die zum Ergebnis kommt, dass das supplementäre-motorische Areal, die anteriore Insula, die Basalganglien und der intraparietale Sulcus die besten Kanditen sind.
Die unterschiedlichen Ergebnisse vieler Studien lösen sich ein Stück weit auf, wenn verschiedene Zeitdauern auf verschiedene Systeme verteilt werden. Weniger als eine halbe Sekunde werden „Modalitätsabhängigen Prozessen“ zugeschlagen. Von einer halben bis wenige Sekunden dauernde Episoden den oben genannten Hirnstrukturen. Intervalle von mehreren Sekunden schließlich vom insularen Kortex.
Herr Wittmann forscht selbst zu diesem Thema. Er möchte damit den Zusammenhang von körperlichem Selbst und Subjektiver Zeit nachweisen. In seinem Versuchsdesign hören Probanden einen Ton von einer bestimmten Dauer. Nach einer Pause wird nun einen anderer Ton erzeugt und die Probanden sollen den Ton in dem Moment abstellen, an dem sie denken, er sei jetzt genauso lange ertönt wie der vorige. Als Ergebnis fand Herr Wittmann heraus, dass es tatsächlich die Insula ist, die hier ganz prominent Aktivität zeigt.
Die Insula ist dafür bekannt, dass sie physiologische Zustände wie Hitze, Kälte, Hunger, Harndrang etc. repräsentiert. Darüber hinaus noch diese Zustände interpretiert und damit zur Basis für komplexe menschliche Gefühle wird.
Es gibt Studien zur Insula die sich mit Emotionen, komplexen Entscheidungen, Musikwahrnehmung und Meditation befassen. Dies führt zurück zum Modell des Zeitempfindens. Der Zeitgeber entpuppt sich als Körperzustände die als „Dauer“ repräsentiert werden. Dies entspricht der „Verleiblichung der Zeit“, wie sie in der Phänomenologie verhandelt wird. Zeit ist das körperliche und gefühlte Selbst (!). Die Aufmerksamkeit spielt die Rolle des Schalters im Modell. Sie und der Grad der Erregung beeinflussen die Zeitwahrnehmung.
Wir bekommen noch ein Diagramm gezeigt, das uns klarmacht, dass sowohl bei sehr niedriger als auch bei sehr hoher Erregung, die Zeit langsamer fließt als in den Zwischenzuständen. Dazu präsentiert uns der Vortragende noch einige Studien und historische Quellen.

Außergewöhnliche Bewusstseinszustände (ABZ) & Zeitwahrnehmung

Modulation von Zeit- und (Körper-) Ich-Bewusstsein
Es gibt einige Patientengruppen, bei denen sich die Zeitwahrnehmung verändert. Dazu zählen: Depressionen, Krebserkrankte mit Angststörungen, Drogenabhängige in der Reha und Kinder mit ADHS oder Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung. Bei allen ist das Phänomen bekannt, dass es ihnen so erscheint, als wolle die Zeit nicht vergehen. Im Licht der vorhergehenden Betrachtungen wird deutlich, dass diese Betroffenen mit ihrer Aufmerksamkeit sehr bei sich sind.
Der Stand ist nun folgendermaßen zusammengefasst: Ein intensiviertes Bewusstsein meiner selbst (Körper, Gefühle) führt zu einer Intensivierung des Zeitbewusstseins. Und: Ein vermindertes Bewusstsein meiner selbst zur Schwächung des Zeitbewusstseins. Daraus folgt: Die Bewusstseinszustände von Ich und Zeit werden gemeinsam moduliert. Als alltagsbekannt Erfahrung formuliert: Wartezeiten und Langeweile gehen mit einer erhöhten Selbstwahrnehmung einher. Die Zeit dehnt sich, das Ich wird stärker wahrgenommen und ebenso die Zeit.
Ganz anders im „Flow“, in dem ein Mensch sich an seine Tätigkeit hingibt. Er vergisst sich selbst und damit auch seine Zeitwahrnehmung.
Zum Begriff des Selbst gibt es noch die Differenzierung in ein „körperliches Selbst“, das Ich im hier und jetzt; und das „narrative Selbst“ das aus der eigenen Geschichte besteht und Erinnerungen und Pläne umfasst. Diese beiden Aspekte bilden sich auch neuronal ab. Der erste ist mit dem interozeptiven System und der Insula assoziiert; der andere mit dem cingulären Cortex und der kortikalen Mittellinie.
Veränderte Bewusstseinszustände können (u.a.) durch Meditation, den Floating Tank und psychodelische Drogen erreicht werden. Alle haben gemeinsam, dass sich zunächst die Zeit dehnt, also ein hoher Fokus auf das Selbst gelegt wird. Im weiteren Verlauf löst sich das Ich und damit das Zeitbewusstsein auf – erlebt wird ein Zustand von „Zeitlosigkeit“.

Neue Ansätze in der Psychotherapie zu ABZ

Modulation von Zeit & Ich
Wir erfahren jetzt noch etwas über die klinische Anwendung dieser Erkenntnisse, bzw. über die Forschung daran, wie diese Betrachtungen therapeutisch wirksam werden können.
Dass Meditation einen hilfreichen Aspekt für die Psychotherapie darstellt ist schon länger bekannt. Dass auch der Floating Tank hilfreich zur Entspannung und Symptomminderung sein kann, ist eine neuere Entdeckung.
Nach vielen Jahren des Verbots an Forschungen mit Psychodelika, wird diese nun wieder in verschiedenen Ländern aufgenommen. Auch hier zeigen sich sehr hoffnungsvolle Effekte. Alle Methoden scheinen den Patient*innen dabei helfen zu können, ihre Selbstfixierung zu lösen und sich wieder der Welt zuwenden zu können.
Was nun noch fehlt sind valide Studien, die diese Ergebnisse festigen können.
Die Abschlussfolie ist überschrieben mit: „Was ist Zeit? – Auflösung des Rätsels der subjektiven Zeit. Prospektiv/im Moment erlebend : Präsenzzeit : Körperzeit : Gefühlszeit : Ich-Zeit – Zeitbewusstsein & Ich-Bewusstsein
Die Zeit ist während des Vortrags schnell verflogen.

Die Psychosomatik enttarnt „Neuromythen“

Bericht vom Dienstagskolloquium „Körper – Seele – Geist“ vom 22.01.19 „Neuromythologie“ von Felix Hasler

Herr Hasler beginnt seinen Vortrag mit der Behauptung, dass wir uns nicht mehr nur im „Neurozeitalter“ befinden, sondern zu „Neuroessenzialisten“ geworden sind. Begriffe wie: „Cerebral subjects“, „Homo cerebralis“ oder „Neurochemical selves“ stehen dafür ein. Buchtitel mit dem „Brain“, bzw. „Gehirn“ im Titel überfluten den Buchmarkt und erläutern uns das „Weibliche Gehirn“, den „Gehirn Sex“, das „Gehirn basierte Lernen“ u.v.m.
Alle diese Veröffentlichungen spielen mit der Vorstellung, dass durch Abbildungen der Biomasse im Schädel, das Verhalten des Schädelbesitzers vorhergesagt werden könnte. Tatsächlich gibt es inzwischen Lehrstühle für „Neuro-Psychoanalyse“ und „Neuro-Forensik“. Hinter den Veröffentlichungen und Aktivitäten steht die Autorität strenger Wissenschaftlichkeit, das Versprechen durch Neurowissenschaft das Wesen des Menschen ergründen zu können.
Als Beispiel zitiert Herr Hasler aus einem Buch über Neuro-Didaktik. Die Passagen enthüllen nichts Neues über das Lehren und Lernen, als schon z.B. Johann Pestalozzi wusste. Aber das schadet dem Neuroenthusiasmus nicht weiter. Die Vorsilbe „Neuro-“ lässt sich vor jegliche Wissenschaftsdisziplin stellen und suggeriert dann Wissenschaft auf dem neuesten Stand der Technik.
Die Vorzeigetechnik der Neurowissenschaft sind die bildgebenden Verfahren (fMRE, PET, MRT). Sie garantieren die wunderbar bunten Bilder, die suggerieren, dass der Betrachter dem Gehirn beim Denke zusehen kann. Das ist allerdings eine Illusion. Die Bilder entstehen durch statistische Rechenverfahren, die bestimmten Veränderungen, z.B. der Durchblutung, einen Zahlen-, bzw. Farbwert zuordnen. Der Wissenschaftler muss sich an zahlreichen Stellen dafür entscheiden, welchen Rechenweg er einschlägt, aber jeder Rechenweg führt zu einem anderen Bild. Daher rührt auch der Effekt, dass sich kaum eine bildgebende Studie replizieren lassen kann. Dies gilt insbesondere wenn höhere kognitive Funktionen wie moralische Entscheidungen oder Kunstgenuss erforscht werden sollen.
Als Beispiel präsentiert uns Herr Hasler eine Studie zur „romantischen Liebe“. Aus der Versuchsanordnung mit Bildern des geliebten Menschen und dazwischen gestreute neutrale Bildern entstehen dann Abbildungen, die insbesondere den ACC (Anteriorer Cingulärer Cortex) hell erleuchtet darstellen. Allerdings leuchtet der auch bei amerikanischen Wählern von Hillary Clinton, beim Genuss eines Schoko-Milchshakes oder wenn Vegetarier Bilder von Tierquälerei sehen usw. usf.

Geschichte und öffentliche Darstellung

Nun geht Herr Hasler ein wenig auf die Geschichte und die öffentliche Wahrnehmung des „Neuro-Imaging“ ein. Um die Jahrtausendwende waren zahlreiche Forscher geradezu euphorisch, was die Möglichkeiten der neuen Verfahren anging. Zahlreiche Zeitschriften präsentierten Bilder aus verschiedenen Studien, die angeblich belegen sollten, wie die Gehirne bei Schizophrenie oder Depression im PET aussehen.
Führende Wissenschaftler schwärmten kurz nach der Jahrhundertwende von den neuen Möglichkeiten. Aber nach nur zehn Jahren war die Euphorie verflogen. Weder wurde ein neues Verständnis von Krankheitsentstehung und –Verlauf gewonnen, noch wurden neue Medikamente entdeckt.
Dennoch hatte dieser Hype Auswirkungen auf die Psychiatrie selbst. Es dominiert seither ein blinder Materialismus, für den eine Depression nur noch eine Transmitterstörung darstellt. Alle diagnostischen und therapeutischen Zugänge sollen über neuronale, bzw. genetische Faktoren validiert werden. Ungeheure Geldmittel wurden (und werden) für dieses Ziel aufgewendet. Der wahre Preis dafür ist aber die Vernachlässigung von Beziehungen (siehe Beitrag von letzter Woche).
In einer Zeitschrift mit dem Namen „Molecular Psychiatry“ finden sich dann solche wunderbaren Befunde wie: „mTORC1-abhängige Translation von Collapsin antwortet auf das Mediator Protein-2, das unterstützt neuronale Adaptionen, die exzessiven Alkoholkonsum unterstützen.“ „Molecular Psychiatry“ war jahrelang die meistgelesene Fachzeitschrift (!).

Die Rolle der Pharmahersteller

Nun kommt Herr Hasler noch auf die Rolle der Pharmaindustrie zu sprechen. Bemerkenswerterweise übertrifft in den USA die Zahl der Psychopharmaka Nutzer inzwischen die der Raucher. Die Pharmaindustrie hat ein Interesse an bildgebenden Verfahren, da sie eben suggerieren, dass da ein „Defekt“ vorhanden sei, der mit Pharmazeutika beseitigt werden können. Eine Art Analogie z.B. zu Diabetes.
Gleichzeitig stellt die Pharmaindustrie die Produktion zahlreicher Medikamente ein und ebenso die Forschung für neue Produkte. Tatsächlich sind alle (!) geläufigen Psychopharmaka Zufallsfunde. Ihre Wirkung ist alles andere als krankheitsspezifisch. Die heute vermittelte Spezifität wurde allein dadurch erreicht, dass Krankheiten neue Benennungen erhalten haben. „Wenn man kein Medikament für eine Krankheit findet, kann man ja eine Krankheit für ein Medikament erfinden.“

Weitere Probleme des Neuroimaging

Herr Hasler nähert sich dem Ende seines Vortrags und präsentiert eine Meta-Analyse von Meta-Analysen zu Unipolarer Depression. Diese kommt zum Befund, dass keinerlei (!) replizierbare Effekte in den Studien zu finden sind. Zwischen somatischer Erkrankung und psychiatrischen Diagnosen scheint ein qualitativer Abgrund zu liegen. Die Psychiatrie steht so vor der Frage, ob sie ihre (willkürlichen) Diagnosen aufgeben will oder Gehirn. Offenbar hat sie sich zum Ersteren entschlossen und beginnt gigantische Listen/Tabellen zu erstellen, in denen alle möglichen Transmitter, synaptische Aktivitäten, Hormone etc. aufgezählt sind.
Einige weitere Probleme der Psychodiagnostik liegen in den Schlussfolgerungen, die aus der Tierforschung auf den Menschen übertragen werden. Ebenso die biologische Variabilität von Lebewesen – in jeder untersuchten Gruppe finden sich Abweichungen von einer Norm, wie üblich gibt es nur „Glockenkurven“ bei denen bestimmte Bereiche als pathologisch definiert werden. Wie weit das gehen kann demonstriert uns Herr Hasler mit Röntgenaufnahmen eines Kindes, dem eine Hirnhälfte entfernt werden musste, das aber keinerlei Auffälligkeiten zeigt (Neuroplastizität). Eine weitere Aufnahme ist ein Zufallsbefund. Sie zeigt den Schädel eines Angestellten, dessen Schädel tatsächlich so gut wie leer ist. Auch er zeigt keinerlei Auffälligkeiten. Noch ein weiteres Problem besteht darin, dass mit jeder neuen Entdeckung/Darstellung die Komplexität des Geschehens noch größer wird.
Aber unverdrossen verfolgen führende Psychiater weiterhin den Weg der materialistischen Diagnose und Therapie. Weiterhin werden Unsummen für solche Projekte mobilisiert (z.B. das Human Brain Project).

Ausblick

Herr Hasler stellt fest: Ein Gehirn kann nicht depressiv sein, es sind Menschen die an einer Depression leiden. Die akademische Psychiatrie hat ein Eigenleben entwickelt, die sie von den Patienten mehr und mehr entfernt. Er fordert ein Zurück zu den sozialen Modellen von Pathogenese und Therapie.
Die Zukunft der Psychiatrie sieht er als digital und nicht neurologisch – es geht um Telepsychiatrie, Apps, Videokonferenzen. Die Patient-Therapeut-Beziehung muss sich wieder ändern. Es braucht mobile Kriseninterventionsteams, statt stationären Behandlungen, Dialog-basierte Programme und einen neuen Pragmatismus: Was hilft wirklich in der Praxis?

Die Psychologie entdeckt die Neurobiologie

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquium „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 17.04.18

Von Prof. Dr. Grit Hein: „Was uns antreibt – Über die Neurobiologie sozialer Motive“

Frau Hein beginnt ihren Vortrag damit, dass sie uns die Gedanken bekannter Denker zum Thema „Motivation“ präsentiert z. B. Leonardo da Vinci: „Motive sind die treibende Kraft des Lebens“; Thomas Mann: „Motive verstehen heißt menschliches Verhalten verstehen“; Immanuel Kant: „Eine Handlung ist dann wesentlich gut, wenn die Motive des Handelnden gut sind, unabhängig von den Auswirkungen.“

Theorien zur Motivation

Wo Künstler, Schriftsteller und Philosophen ein Thema bedenken kann die Wissenschaft der Psychologie nicht zurückstehen. Im Verlauf der Psychologiegeschichte wurden etliche Motivationstheorien entwickelt, die verschiedene Schwerpunkte gesetzt haben. So die Theorie von Henry M. Murray, der Motive als stabile Persönlichkeitseigenschaften ansah und die von den Grundbedürfnissen nach Kontrolle und Zugehörigkeit charakterisiert sind.
Dieser Ansatz wurde von David McClelland weiter ausdifferenziert in die Grundmotive von Zugehörigkeit, Macht und Leistung, denen jeweils Wünsche und Befürchtungen entsprechen, die das menschliche Verhalten beeinflussen.
Relativ bekannt ist die Maslow’sche Bedürfnispyramide mit ihren Defizitbedürfnissen und ihren Wachstumsbedürfnissen – in der Folie der Vortragenden „Unstillbare Bedürfnisse“ genannt. Maslow ordnete physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse und soziale Bedürfnisse als Grundlagen, die erfüllt sein müssen an. Sie bilden die Basis der Pyramide und ihre Nichterfüllung motiviert die Betroffenen maximal. Erst wenn diese Grundlagen gewährleistet sind kann ein Mensch nach Maslow sich um Geltung und Selbstverwirklichung kümmern.
Eine weitere Betrachtung unterscheidet zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Intrinsisch entstehen Neugier und emotionale Anreize, sowie Erfolgserwartungen; Extrinsisch wir positive Verstärkung in Form von Belohnungen oder negative Verstärkung im in Form von Zwang erfahren.

Sind Motive änderbar?

Die Lieblingstheorie von Frau Hein ist allerdings die von Kurt Lewin, der Motive als veränderbar ansieht. Für ihn reflektieren Motive das ultimative Ziel von Individuen, was sich für Verhaltensvorhersagen nutzen lässt. Weiter behauptet er, dass Motive aktivierbar und situativ veränderbar sind, was dann die Basis für Interventionen darstellt.
Das Problem der Psychologie mit den Motiven ist, dass sie nur schwer erfassbar sind. Motive sind privat und nicht beobachtbar. Darüber hinaus können unterschiedliche Motive zu gleichem Verhalten führen. Als Beispiel sehen wir ein Foto von zwei Männern, die eine Couch tragen. Einer von ihnen zieht um, der andere hilft. Hilft er weil er Empathie zeigen möchte? (Hier mit dem Ziel des Wohlergehens des anderen verbunden), oder hilft er aus Reziprozitätsgründen? (mit dem Ziel einen Gefallen zu erwidern)

Forschung in der Röhre

Frau Hein möchte uns darüber aufklären, mit welchen Tricks sie diesen Fragen nachforscht. Aber zuvor gibt sie uns eine Einführung in die nicht-invasiven Techniken der Neurobiologie. Sie selbst forscht am häufigsten mit der „fMRT“, der funktionellen Magnetresonanztomografie. Ihre Begeisterung für diese technischen Möglichkeiten sind ihr anzumerken, denn sie ermöglichen ein „nicht-invasives Maß, welches Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln abbilden kann“ (dem philosophisch Halbgebildeten sträuben sich die Haare bei solchen Formulierungen). Eine neue Variante der Technik ist, dass nun nicht nur bunte Bilder von Gehirnregionen gezeigt werden können, sondern auch welche Gehirnbereiche, in welchen zeitlichen Mustern miteinander interagieren. Genau dies ermöglicht nämlich erst die Unterscheidung von Empathie und Reziprozität in der Gehirntätigkeit.

Im sogenannten „interaktiven Paradigma“ – was so viel heißt, dass der Proband in der Röhre liegt, aber die Hände von Mitmenschen sehen kann, die neben der Röhre sitzen – werden nun Versuche mit sozialen Gefühlen gemacht. Die derzeit beliebten Spiele der Neuroforschung haben häufig damit zu tun, wie Geldbeträge aufgeteilt werden. Für die meisten Menschen ist eine Teilung von vierzig zu sechzig Prozent akzeptabel (d.h. sie nehmen die vierzig Prozent, weil sonst das Geld weg wäre). Dies wird nun kombiniert mit einem bekannten Phänomen, der Empathie Einschränkung gegenüber Out-Group Mitgliedern – Menschen sind in aller Regel empathischer mit Mitglieder der eigenen Gruppe.

Außerdem ist die Möglichkeit bekannt, Empathie und/oder Reziprozität zu induzieren, also von außen herbeizuführen. Empathie in der Form, dass vor dem Teilungsversuch Bilder des später zu Begünstigendem gezeigt werden, wo dieser Schmerz empfindet. Wer einen leidenden Menschen sieht, ist eher geneigt, ihm Empathie entgegenzubringen. Reziprozität lässt sich so induzieren, dass derjenige, der das Geld aufteilen darf ein Bild sieht, auf dem sein Spielpartner Geld dafür bezahlt, damit dem Verteiler kein Schmerz zugefügt wird.

Mit herkömmlicher fMRT lassen sich keine Unterschiede zwischen diesen beiden Motiven feststellen. Erst wenn das „Dynamic Causal Modelling“ verwendet wird, dass die räumliche und zeitliche Verteilung der Gehirnprozesse zeigt, werden die Unterschiede sichtbar.
Frau Hein berichtet von einem Experiment in Zürich, in dem Schweizer und Bosnier (In-Group/Out-Group) so miteinander interagieren mussten, dass sie lernen konnten, auch den Out-Group zugehörigen ein identisches Maß an Empathie und Reziprozität aufbringen konnten – Vorurteile lassen sich verlernen!

Zukunftsaussichten

In ihren Abschlussworten betont sie, dass diese Methodik noch sehr am Anfang steht und dass sie bis auf weiteres keinesfalls die Möglichkeit eröffnen wird, Motive zu entlarven. Die Wirklichkeit ist enorm komplex und maschinelles „Mind-Reading“ liegt noch in weiter Ferne, falls es überhaupt möglich ist.
Einen Anwendungsbereich sieht sie jedoch für die klinische Psychologie zur Darstellung und Diagnostik von „motivationalen Defiziten“ bei psychischen Erkrankungen.
Abgesehen von der etwas langatmigen Technikerklärung war es ein recht interessanter Vortrag für mich. Wieder einmal dachte ich, dass der Zugang technischer Möglichkeiten zur Psyche eine recht zweischneidige Angelegenheit ist. Sie gewährt einerseits mehr Verständnis für die neuronalen Prozesse der Psyche, mit der Gefahr, diese auf neuronale Tätigkeiten zu reduzieren. Sie eröffnet andererseits auch Möglichkeiten der Beeinflussung, über deren möglichen Missbrauch, sich die Zunft scheinbar wenig Gedanken macht.

Die Psychologie entdeckt die Hormone

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquium „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 05.12.17
Von Markus Heinrichs , Univ.-Prof. Dr. rer. nat., Lehrstuhl für Biologische u. Differentielle Psychologie, Institut für Psychologie, Uni Freiburg
„Was stresst, was schützt?“ Neue psychobiologische Perspektiven von Sport bis Berührung

Stress ist nicht nur ein Phänomen von dem immer mehr Mitmenschen eingeholt werden, er ist auch medial ständig präsent, wird problematisiert und durchleuchtet. Dabei ist Stress an sich eine durchaus sinnvolle biologische Einrichtung. Er signalisiert, dass der Organismus von den Belastungen überfordert und nicht mehr im Gleichgewicht ist. Er stellt eine erhöhte Menge an Energie im Körper bereit und er kann in Bedrohungssituationen auf eine „automatische“ Reaktion zurückgreifen.

Zuviel Stress

Erst wenn die Stressquellen nicht mehr aufhören wollen zu sprudeln wird das zum Problem. Der Gedanke: „Noch ein bisschen mehr wird schon nicht schaden“ führt unweigerlich zunächst zu einem Höhepunkt an Leistungsfähigkeit um sich dann zwangsläufig in sein Gegenteil zu verkehren. Die Fehler nehmen zu und damit die Unzufriedenheit. Die Stimmung wird gereizt, ärgerliche Gefühle nehmen zu. Am Ende der Entwicklung entstehen psychosomatische Beschwerden.
Nahezu 60% der deutschen Mitmenschen geben an, manchmal (37%) bis häufig (20%) gestresst zu sein – am häufigsten die Sandwich Generation, die zwischen 36 – 45 Jahre alt ist. Es lässt sich ein Stadt – Land Gefälle der Betroffenen ausmachen, auf dem Land ist das Risiko für Stressempfinden deutlich geringer.

Stressoren

Die stärksten Stressoren sind ansonsten: Zu viel Arbeit, Termindruck und Hetze sowie Störungen bei der Arbeit. Frauen haben öfter den Eindruck, dass Stress sie in ihrem Privatleben beeinträchtigt und der Zusammenhang von Stressempfinden und vermehrten Gesundheitsbeschwerden ist statistisch eindeutig. Zu diesen Gesundheitsbeschwerden gehören eindeutig auch psychische Erkrankungen wie die Depression, deren Auftreten sich zwischen 1997 und 2012 mehr als verdoppelt hat.
Als Beispiel für den eindrücklichen Zusammenbruch zitiert Herr Heinrichs den Fußballtrainer Ralf Rangnick, der massiv unter einer Stresserkrankung gelitten hat.
Dann wird das Auditorium über die „Vermessung“ des Stress‘ informiert. Das geschieht mit dem „Trierer Stresstest“ – einem standardisierten Verfahren, das sozialen und körperlichen Stress berechenbar macht. Nebenbei erfahren wir auch, dass es in Freiburg eine Ambulanz für stressbedingte Erkrankungen gibt, die Stress Diagnostik und ebenso therapeutische Angebote im Einzel- und Gruppensetting anbietet, sowie an einem Internet-basierten Verfahren forscht – mit bisher sehr positiven Ergebnissen.

Was kann helfen?

Der zweite Teil des Vortrags befasst sich mit der Frage: Was von Stress schützt. Grundlegend sieht es so aus, dass Menschen einen gewissen Grad an Grundanspannung aufbauen. Wenn diese eher hoch ist und die alltäglichen Belastungen von Haushalt, Arbeit, Geldsorgen, Versorgung anderer etc. noch hinzukommen, kann es leicht geschehen, dass die Schwelle zu negativen Emotionen überschritten wird. Die Balance von Anstrengung und Erholung ist aus dem Lot und nun müssten neue Maßnahmen ergriffen werden, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Methoden der Wahl sind: Körperliche Fitness, Stressmanagement und positive soziale Interaktionen.
Erforscht ist z.B. der Effekt von Ausdauersport und das Ergebnis ist eindeutig. Sportlich fitte Menschen sind widerstandsfähiger als weniger fitte.
Stressmanagement wird von Herrn Heinrichs und seinem Team mit dem Internetangebot „iCope“ erforscht. Dieses bietet ein sechswöchiges Programm an, für das die Nutzer*innen einiges tun müssen. Wenn sie es dann getan haben, schneiden sie in allen Belangen der Stressmessung deutlich besser ab als Menschen, die z.B. nur Entspannungsübungen oder gar nichts gemacht haben.

Der Superschutz

Der kraftvollste Schutzfaktor gegen Stress (und alle anderen Krankheiten) ist allerdings die positive soziale Interaktion. Hier kommt nun das Hormon „Oxytocin“ ins Spiel. Es aktiviert unter anderem das Belohnungszentrum im Gehirn und beruhigt die Angstreaktion.
Seit das bekannt geworden ist, wird Oxytocin als Nasenspray eingesetzt. Seine Wirkung ist gut messbar, aber es ist kein Allheilmittel, das z. B. soziale Interaktion ersetzen könnte – es erleichtert allenfalls die Anbahnung von sozialen Kontakten.
Die Schutzkraft sozialer Kontakte wurde natürlich auch schon erforscht – mit Hilfe des Trierer Stresstests. Dieser wurde an Probanden ohne vorherige Begleitung, mit Begleitung durch einen fremden Menschen und mit Begleitung des Lebenspartners durchgeführt. Das verblüffende Ergebnis: Männer profitieren maximal davon, wenn sie von ihrer Frau vorbereitet werden – bei Frauen hingegen erhöht sich der Stress bei diesem Setting maximal. Das Beste was Männer für ihre Frauen tun können ist: Schweigen und ihr den Nacken und die Schultern massieren.
Es folgt noch ein kurzer Ausflug zum Thema Oxytocin und Autismus Forschung, in der sich zwar ein Effekt feststellen lässt, aber kein Durchbruch in Sicht ist.

Schlussfolgerungen und offene Fragen

Zum Abschluss räumt Herr Heinrichs ein, dass die Verhaltenstherapie bislang noch wenig auf den Körper geschaut hat und dass die Schulmedizin in weiten Teilen noch nicht das seelische Empfinden mit berücksichtigt. Auch er plädiert für das „bio-psycho-soziale Modell“, das einfach besser abbilden kann, wie Krankheit entsteht und was Gesundheit unterstützt.
Der Beifall für Herrn Heinrichs ist ausgiebig.
Die Frage, die mir offen blieb war, ob es nicht problematisch werden kann, wenn die Menschen sich an immer stressigere berufliche Situationen anpassen müssen, oder ob der Gedanken daran, den Stress am Arbeitsplatz zu verringern nicht auch einen Gedanken wert wäre. Aber das ist wohl nicht das Terrain von Psychotherapeuten und Ärzten.