Die Psychosomatik erkundet das Weinen

Bericht vom Kolloquium „Seele – Körper – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg, Vortrag von: Cord Benecke, Prof. Dr. phil. Dipl. Psych., Institut für Psychologie, Universität Kassel: „Über das Weinen“

Herr Benecke teilt uns mit, dass wir zunächst etwas über das Weinen an sich erfahren, dann über das Weinen in der Psychotherapie und zum Abschluss möchte er uns aktuelle Forschungen zum Thema vorstellen.

Das Weinen

Der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das emotionale Tränen weint. Kinder und Frauen weinen, so lautet der kulturelle Stereotyp, aber tatsächlich weinen auch mal harte Kerle oder sogar hohe Würdenträger. Erstaunlicherweise gibt es zu diesem Thema sehr wenig Forschung. Allenfalls bekannt ist, dass sich die chemische Zusammensetzung von emotionalen Tränen, von solchen unterscheidet, die z.B. beim Gähnen austreten.
Die bisherige Forschung unterscheidet die physiologische Funktion der Tränen, z.B. als Ausscheidungsfunktion, weiter wird nach der intrapsychischen Funktion geforscht und nach der interpersonellen, bzw. kommunikativen Funktion.

Intrapsychische Funktion des Weinens

Hier wird hauptsächliche die kathartische (reinigende) Kraft der Tränen betrachtet. Durch das Weinen, können vermeintlich Belastungen abgebaut werden, wenn die Klient*innen „es endlich rauslassen können“. Eine direkte Besserung wurde allerdings eher selten beobachtet, eher so etwas wie ein Umschalten in eine allmähliche Entspannung.
Dann gibt es ein Phänomen, das Herr Benecke „Löt-Funktion“ nennt. Es geht dabei darum, dass der Weinende auf diese Art mit dem Verlorenen in Kontakt treten kann. Auf diese Art erlebt er noch einmal Schmerz, Trauer, Angst oder Verzweiflung und ist in der Lage, den Schmerz im Erleben auszuhalten.

Kommunikative Funktion des Weinens

Der/die Weinende zeigt sich durch das Weinen schwach und hilfsbedürftig. Er/sie signalisiert ein Bedürfnis nach Hilfe und das Weinen wirkt auch als eine Art Aggressionsbremse für den anderen.
Die typischen Reaktionen der anderen bestehen in tröstender und unterstützender Zuwendung. Diese Interaktion fördert und festigt dann auch Bindungen. Wenn aber der/die andere den Eindruck hat, dass das Weinen unangemessen oder manipulativ verwendet wird, löst das Aggression aus.

Weinen in der Psychotherapie

Nun beginnt der Vortragenden seine reichhaltige Studiensammlung zu präsentieren. Zunächst wurden Daten aus diagnostischen Interviews (OPD) ausgewertet. Obwohl dies noch keine therapeutische Stunde war, haben doch ein Drittel der Befragten spontan geweint. Dabei ergaben sich keine Unterschiede in den Diagnosegruppen (Konflikte, Struktur) oder der Symptombelastung.
Spannend waren eher die Nicht-Weinenden, denn sie erleben sich tendenziell in Beziehungen verschlossener und weniger bezogen. Weiter erleben sie häufiger aggressive Gefühle wie Wut, Ekel oder Reizbarkeit. Sie zeigten auch insgesamt häufiger eine aggressive Gesichtsmimik, die ebenfalls diese Gefühle widerspiegelten oder ein häufiges Lächeln mit Kontrollelementen (falsches Lächeln, nicht ansteckend).
Diese Befunde interpretiert Herr Benecke so, dass Wut eine Art „Generalmedikament“ gegen Gefühle darstellt.
Eine weitere Studie kommt zu den Ergebnissen, dass Weinen negativ mit dem allgemeinen Funktionsniveau (Struktur) korreliert ist, aber positiv mit emotional-instabiler Symptomatik. Damit assoziiert ist die Erfahrung sexualisierter Gewalt in der Kindheit. Außerdem haben Patient*innen, die in der Stunde geweint haben den Eindruck, dass die Sitzung schwierig war, dennoch sehen sie keine Auswirkungen auf die therapeutische Allianz.
Noch eine Studie hat ermittelt, dass die Bedeutung des Weinens ganz unterschiedlich gesehen wird.als bedeutsame, therapeutische Veränderung
– als Moment echter Verletzlichkeit
– als Erkennen von etwas Neuem
– als einen Ausdruck, der mit Worten nicht zu bewerkstelligen ist
– als bessere Verständigung mit dem Therapeuten
– als hoffnungsvollen Hinweis für den Erfolg der Therapie
– als Hinweis darauf, dass die therapeutische Beziehung stärker geworden ist

Weinende Therapeut*innen in der Therapie

Wie erleben Patient*innen weinende Therapeut*innen?

Die meisten Befragten bewerten eine solche Erfahrung positiv. Allerdings kann es vorkommen, dass ein Grund dafür vermutet wird, der eher Ärger auslöst. Deshalb ist es wichtig, dass der/die Therapeut*in sein/ihr Weinen auch thematisiert.

Unterschiedliche Formen des Weinens

Verschiedene Forscher*innen haben sich mit unterschiedlichen Ansätzen daran versucht, eine Typologie des Weinens zu erstellen. So gibt es einen Ansatz, das Weinen anhand des Bindungstyps einzuordnen, der sich als nicht sonderlich hilfreich erwiesen hat.
Eine andere Herangehensweise wurde durch die Beobachtung des Verhaltens von unheilbar krebskranken Menschen erprobt. Dort wurde wütend intensives Weinen, ruhiges gefasstes Weinen und innerliches Weinen gefunden. Diese Befunde erinnern an die Trauerphasen, wie sie von Verena Kast beschrieben worden sind.
Nun stellt uns Herr Benecke seine eigenen Forschungen vor. Wir bekommen ein Diagramm zu sehen, auf dem die Formen des Weinens eingezeichnet sind. Es sind: Protest, Überforderung, Trauer und positives berührt-sein. Gerade der letzte Anlass wird gerne übersehen. Jede Form kann nun noch einen bestimmten Modus annehmen, nämlich: Überflutend oder unterdrückend, dazwischen wäre so etwas wie ein neutraler Modus.
Für jede Form des Weinens bekommen wir nun Tabellen präsentiert, die die Merkmale und Interaktiven Funktionen auflisten.

Protestweinen

Merkmale: Klient*innen wirken leidend, klagend, trotzig; sie fühlen sich unangemessen behandelt und emotional verletzt; häufig spielt Wut eine Rolle; häufig geht es um Schuld und Verantwortung; die Gegebenheiten werden nicht akzeptiert und sogar bekämpft.
Interaktive Funktion: diese wird als stark bezeichnet; sie hat einen adressierenden, nach außen gerichteten Charakter; die Person wirkt fordernd; sie erweckt den Eindruck, sich vom Gegenüber Bestätigung, Mitleid oder Verständnis zu erhoffen.

Überforderungsweinen

Merkmale: Klient*innen wirken unsicher, verzweifelt, hilflos, ängstlich; es geht häufig um Beziehungsthemen, die mit Angst oder Verzweiflung einhergehen; es geht um Themen, die eine generelle Überforderung, Kontrollverlust oder Unzufriedenheit mit den Lebensumständen zu tun haben; mitunter realisiert die Person etwas.
Interaktive Funktion: diese wird als schwächer eingeschätzt; die Klient*innen wirken rat- bzw. hilflos; die nahegelegte Reaktion besteht aus kümmern, helfen oder Ratschläge geben.

Trauerweinen

Merkmale: meist Verlusterfahrung – eine Person, eigene Fähigkeiten, vergangene Zeiten; Klient*innen wirken emotional berührt, sind dabei aber ruhig und gefasst; es herrscht weitgehende Akzeptanz der Gegebenheit, kein Ankämpfen mehr.
Interaktive Funktion: dieses Verhalten ist kaum nach außen gerichtet; die Person wirkt, als sei sie bei sich.

Positives Weinen

Merkmale: Lächeln bei leichtem Tränenfluss; Bericht über positive Tatsachen; Dankbarkeit; häufig wurde lang erhofftes wahr; positive Gegenwart bei vergangenen Mangelsituationen.
Interaktive Funktion: auch hier ist der Ausdruck kaum nach außen gerichtet und die Person ist bei sich.

Modi des Weinens

Überflutendes Weinen kann dramatisch wirken, die Person wird von ihren Emotionen überwältigt und kann sie nicht beherrschen.
Beim unterdrückten Weinen wird evtl. gar nicht geweint, aber der Kampf mit den Tränen ist deutlich wahrnehmbar.
Dazwischen gibt es Mischformen, für die es keinen besseren Begriff als „neutral“ gibt.

Therapeut*innenverhalten beim Weinen von Klient*innen

Wir erfahren nun weitere Studienergebnisse. Zunächst aus Anamnesesitzungen, bzw. der letzten Anamnesestunde. Hier wurde beobachtet, welche Interventionen vor dem Wein-Ereignis stattgefunden haben. Es waren: die Aufforderung einen schwierigen Affekt zu erforschen; eine neue Perspektive auf ein wichtiges Thema zu entwickeln; eigene Wünsche oder Fantasien zu entwickeln.
Herr Benecke forscht ganz aktuell auch zu diesem Thema. Er nutzt dazu Videoaufzeichnungen von Therapiestunden. Die Fragestellungen dabei sind: Inwiefern wurde das Weinen durch eine Intervention ausgelöst? Und wie verhält sich der Therapeut während des Weinens? Zu dieser Frage wurden drei Hauptkategorien gewählt: Die Thematisierung, die Zurückhaltung, die Neutralisierung.
Das Ergebnis finden wir auf einer dichtbeschriebenen Tabelle. In der ersten Spalte finden wir die Interventionsstärke von: keine Intervention zu milde, mäßigen bis zu starken Interventionen.
Im ersten Fall ist das Weinen mit dem Thema selbst assoziiert, möglicherweise eine einfache Sachfrage. Paraphrasierungen werden als milde Intervention angesehen; aufdeckende und spekulative Fragen sind als mäßig definiert; Konfrontation oder die Aufforderung, etwas Belastendes auszusprechen wären starke Interventionen.

Thematisierung

Der/die Therapeut*in hat verschiedene Möglichkeiten das Weinen zu thematisieren. Ganz gegenwärtig die Emotionen wahrnehmen, spiegeln und akzeptieren; Oder die Emotion wird grundsätzlicher thematisiert und exploriert – es geht um einen verstehenden Zugang; Oder die Emotion wird therapeutisch thematisiert, die Verbindungen vom Hier und Heute zum Dort und Damals aufgezeigt, hier können auch Deutungen oder Konfrontationen eine Rolle spielen.

Zurückhaltung

Dabei geht es darum, dass Pausen auch intentional eingesetzt werden können. Pausen geben den Klient*innen Raum, sich mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen. Die Zurückhaltung kann auch die Form annehmen, den Klienten sprechen zu lassen und auch die Sprechpausen nicht mit einer Erwiderung zu unterbrechen.

Neutralisierung

Diese Form der Reaktion hat wiederum drei Unteraspekte. Den ersten nennt Herr Benecke die therapeutische Neutralisierung. Die Verbindung zur Therapie wird aufgezeigt, evtl. tröstend oder ermutigend; mögliche Lösungen können angedeutet werden oder auch Möglichkeiten des Spannungsabbaus.
Die zweite Form heißt „Ergründung auf der Sachebene“. Das auslösende Thema wird auf der Sachebene erkundet – dies wäre der verstehende Zugang – klärend und konkretisierend.
Die dritte Form wäre schließlich der Themenwechsel oder der Abbruch. Hier wird das Weinen übergangen, z.B. indem ein neuer Aspekt angesprochen wird oder dass sogar die Stunde beendet wird.

Ergebnisse der Regressionsanalyse

Nach gründlicher Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse ergibt sich folgendes Bild:
– Weinen aus Überforderung wird aktiv durch eine therapeutische Intervention ausgelöst,  das Weinen aus Trauer eher nicht
– Weinen aus Überforderung führt häufiger zu Therapeutischer Neutralisierung, Weinen aus Protest seltener
– Das Weinen aus Trauer veranlasst die Therapeut*innen weniger zu einem Themenwechsel/Abbruch
– Intensivere Auslösung geht mit höherer Therapeutischer Thematisierung einher und mit niedriger Ergründung auf Sachebene
– Bei intensiverem Auslöser entstehen eher Pausen. Außerdem führt ein intensiverer Auslöser zu mehr Themenwechsel/Abbruch
– Überflutendes Weinen entsteht meist ohne therapeutische Intervention
– Bei Überflutendem Weinen ist die Reaktion „Thematisiert Emotionen“ oder deren „Ausdruck im Hier und Jetzt“, sowie „Ergründung auf Emotionsebene“ stärker, aber die Reaktion „Therapeutische Thematisierung“ geringer zu beobachten.

Einfluss der Therapieschule?

Zuguterletzt untersuchte Herr Benecke auch noch die Frage, ob die Therapieschule einen Einfluss auf die Reaktion der Therapeut*innen hat. Er macht das mit Hilfe der vier Kategorien des Weinens und jeweils drei Kategorien für die initiale Reaktion und die Verlaufsreaktion. Die Ergebnisse werden wieder tabellarisch präsentiert.

Vor dem Weinen

Die Kategorien vor dem Weinen heißen: Neutral, wenn Fragen auf der Sachebene gestellt werden oder gar keine Aktion vom Therapeuten kommt. Sie heißt Paraphrasierung, wenn das Gehörte konkretisiert oder verbildlicht wird. Die Interpretation deckt mögliche Gefühle, Gedanken oder Konsequenzen auf und die Konfrontation weist auf Widersprüche hin, auf Verdrängtes, gibt Deutungen oder bietet Imaginationen oder Rollenspiele an.
Das Ergebnis besagt, dass in der Hälfte der Fälle das Weinen ohne Intervention zustande kam. 25% wurde durch eine Interpretation ausgelöst; 20% durch eine Konfrontation und 5% durch eine Paraphrasierung. Dabei haben alle Therapeut*innen auch jedes Verhalten an den Tag gelegt.

Während des Weinens

Während des Weinens zeigen sich Therapeut*innen zurückhaltend (s.o.), thematisierend oder neutralisierend.
Im Ergebnis zeigte sich das 51% am Beginn thematisiert haben, 39% zurückhaltend waren und 10% neutralisiert haben. Für die Reaktionen im Verlauf des Weinens ergaben sich 53% Thematisierung, 22% Zurückhaltung und 25% Neutralisierung.
Bezogen auf die Therapieschulen ergab sich, dass Verhaltenstherapeut*innen häufiger neutralisieren als psychodynamische Kolleg*innen, die die Thematisierung offenbar bevorzugen. Das betrifft sowohl die Initialreaktion als auch die Verlaufsreaktion.

Einfluss der Diagnose?

Ein überraschendes Ergebnis der Forschungen war, dass die Diagnose einen Einfluss auf die therapeutische Reaktion hat. Sowohl in der Initial- als auch in der Verlaufsreaktion wurde bei Angstpatient*innen wesentlich häufiger thematisiert als bei depressiven Patient*innen. Bei diesen ist die Neutralisierung offenbar die bevorzugte Variante.

Fazit

Als Fazit wählt Herr Benecke ein Zitat aus der „Wein-Forschung“.
Es gibt zu wenig empirische Erkenntnisse zu diesem Thema.
Es gibt kaum Anleitungen, wie Therapeut*innen am besten auf das Weinen reagieren können.
Es ist ermutigend, dass dieses Thema mit wachsendem Interesse erforscht wird.
Hier geht es zum Vortrag

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