Die Literaturwissenschaft untersucht ein „kleines“ Gefühl

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquiums „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 28.11.17 von Alexandra Pontzen, Univ.-Prof. Dr. phil., Fakultät für Geisteswissenschaften, Institut für Germanistik, Universität Duisburg-Essen
„Große Gefühle – Klägliches Leiden – Literatur und Peinlichkeit“
Ich denke, jeder Mensch kennt das Gefühl der Peinlichkeit – peinlich, peinlich das Missgeschick, der falsche Satz zur unpassenden Zeit, das Vergessen, Versagen, Verloren-Haben. Ist Peinlichkeit deshalb ein großes Gefühl? Frau Pontzen stellt diese Frage an den Beginn ihres flotten und reichhaltigen Vortrags.
Wir verspüren Peinlichkeit schmerzlich als Hitzegefühl, Erröten, Unruhe und vermeiden den Blickkontakt – allerdings: Hat die Peinlichkeit immer mit der Vorstellung eines Beobachters zu tun, der/die wahrnimmt, was wir peinliches angestellt haben, der/die uns dafür wahrscheinlich auslachen oder verachten wird. In der Peinlichkeit trifft sich die persönlich Psyche mit den verinnerlichten sozialen Regeln und Erwartungen – peinlich ist, wer sich nicht an diese ungeschriebenen Regeln hält oder halten kann.
Dabei wird auch deutlich, warum ausgerechnet eine Literaturwissenschaftlerin über dieses Thema so viel zu berichten weiß. Denn diese ungeschriebenen Regeln für die „feinen Unterschiede“ werden in der Wissenschaft kaum erforscht, werden aber in der Literatur ständig verarbeitet und damit explizit.
Angereichert mit zahlreichen Beispielen aus der Literatur führt uns Frau Pontzen durch verschiedene Aspekte der Peinlichkeit.
Zunächst liegt es nahe, dass das Sprechen über Peinlichkeit peinlich werden kann – für Sprecher*in und Zuhörer*innen. Es würde auch niemand einen langweiligen Vortrag über Humor erwarten. Also ist es hilfreich, Peinlichkeit zunächst aus wissenschaftlicher Distanz zu betrachten. Peinlich ist eine Figur der Abweichung, die aufgezeigt wird. Es geht um ästhetisch-kommunikative Aspekte, die optisch erfasst und leiblich erlebt werden können. Dabei sind immer persönliche Perspektive und eine (auch imaginäre) Zuschauerperspektive ineinander verschränkt.
Persönlich erleben wir peinliche Erinnerungen als nicht-steuerbar – sie tauchen auf und beeinflussen das Erleben. Dabei neigt das Leiden an der Peinlichkeit dazu, überproportional zum Anlass aufzutrumpfen. Als Referenzen für Peinlichkeit stehen eine Reihe von binären Kategorien bereit: Gut – Böse, Schön – Hässlich, Richtig – Falsch, Üblich – Unüblich.
Anthropologisch betrachtet steht Peinlichkeit in der Reihe der Gefühle von: Schuld, Scham, Peinlichkeit, Verlegenheit. Die Reihung macht auch die Intensität der Gefühle deutlich und aus dieser Sicht ist Peinlichkeit kein „großes Gefühl“. Sie hat dennoch die Kraft, große Gefühle erheblich zu stören – wenn man sich z. B. vor dem Menschen, in den man verliebt ist, lächerlich macht, kann die Verliebtheit in Gefahr geraten.
Aus soziologischer Perspektive lässt sich Peinlichkeit als Kulturleistung sehen. Die Kulturen schaffen es, ihre Normen und Werte in die Psyche der Individuen zu transportieren – ob dies eher nach innen verlegte Sozialangst und Gerichtsbarkeit ist, wie Norbert Elias das sieht, oder die Kultur der „feinen Unterschiede“ wie Pierre Bourdieu oder die Verletzung der „vorgestellten idealen Situation“ wie Erving Goffman theoretisiert – Peinlichkeit ermöglicht Skandale zu vermeiden, was zu ihren Qualitäten gezählt werden kann.
Auch ethnologisch gibt es Betrachtungen zur Peinlichkeit – so die Unterscheidung in Schuld- und Schamkulturen. In den einen wird auf äußere Sanktionen gegen Abweichungen reagiert in den anderen mit inneren. Eine andere Unterscheidung wäre Peinlichkeits- vs. Lächerlichkeitskulturen. Hier ist die Leitdifferenz die Perspektive der Zeugen der Peinlichkeit und deren Schmerz über die peinliche Situation. Lächerlichkeit führt zum Kulturausschluss – ein Mensch macht sich unmöglich. Hier finden sich auch Bezüge zum Fremdschämen.
Psychisch ist Peinlichkeit eine Art von Bewusstseinsverdoppelung. Das Bewusstsein erlebt sich und beobachtet zugleich das Erlebte aus einer imaginären Position (wem das bewusst wird, verdreifacht sich das sogar). Im Erleben, bzw. im Vorstellen der Peinlichkeit verliert die Zeit ihren üblichen Verlauf. Die Vorstellung reicht in die Zukunft, evtl. bis in eine ferne Zukunft, in der immer noch die Peinlichkeit von heute erinnert wird. Peinlichkeit ist so betrachtet auch ein selbsterzeugtes (poietisches) Gefühl. Indem ich im Geist die Zuschauerperspektive aufrufe, entsteht die Peinlichkeit. Eine Form kreativer Einbildungskraft.
Am Ende gibt es noch einen kurzen Streifzug durch die Literatur mit vielen Beispielen zum Thema.
Das Dienstagskolloquium bietet immer wieder Perspektiven, die nicht aus Medizin oder Psychologie kommen und wie fast immer, war auch dieser Beitrag eine große Bereicherung für mich. Peinlichkeit scheint eine Übergangsmöglichkeit vom persönlichen Erleben in den sozialen Raum zu sein. Oder anders ausgedrückt – was uns peinlich ist, gibt uns Auskunft darüber, welche sozialen Normen wir verinnerlicht haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.