Die Psychosomatik erkundet die Klimakrise

stellt die Erhitzung der Erde dar

Bericht vom Dienstagskolloquium „Seele – Körper – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg
Vortrag von Prof. Dr. med. Christoph Nikendei
Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik, Universitätsklinikums Heidelberg

Klima, Psyche und Psychotherapie

Kognitionspsychologische, psychodynamische und psychotraumatologische Betrachtung einer globalen Krise

Mein zweiter gestreamter Vortrag. Ich sitze gemütlich auf meinem Stuhl, Modell „Sorgenfrei“, in der Küche und bin gespannt. Ich mag vorwegnehmen, dass dies ein sehr umfangreicher Bericht ist. Wer sich den Vortrag ganz anhören/sehen mag sei auf diesen Link verwiesen.
Herr Nikendei beginnt mit der neurowissenschaftlichen Erkenntnis, dass wir nur 100 Millisekunden brauchen um uns ein Bild von jemandem zu machen, und er fordert uns auf, während des Vortrags in uns hineinzuspüren, zu beobachten, wie es uns mit seinem Input geht.
Er beginnt, für mich überraschend, mit Prof. Jem Bendell, dessen Aufsatz „Deep Adaptation“ von Fachjournalen abgelehnt wurde. Dann aber trotzdem eine große Aufmerksamkeit erfahren hat. Bendell prophezeit darin, dass die bekannte soziale Ordnung binnen zehn Jahren zusammenbrechen wird (jetzt noch acht Jahre).
Dieser Aufsatz hat auch in der Fachwelt für großes Entsetzen gesorgt. Eine Kollegin nannte ihn: „sadistisch, esoterisch-ausweichend, im Apokalypse-Rausch befindend, angriffslustig, moralisierend, reißerisch-aggressiv, verwirrt, radikalisiert – aber später dann doch – vielleicht doch nicht von der Realität abgewandt.“
Der Aufsatz verursacht einen Schock über die Massivität der Auswirkungen und der zeitlichen Nähe, der kommenden Ereignisse. Dieser führt in einen Zustand der Gespaltenheit und Verwirrtheit. So ein Zustand induziert eine psychische Abwehr, die den Inhalt diskreditiert und entwertet, es entsteht der Wunsch, das Thema Ad-Acta legen zu wollen.
Ein aktuelles Problem, das die Diskussion ums Klima erschwert ist natürlich die Corona Situation. Herr Nikendei meint dazu: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, die Klimakrise verschwindet nicht, auch wenn Corona ihr gerade die Schau stiehlt. Er demonstriert das mit der CO2 Uhr, die uns darüber informiert, wie lange wir noch die Atmosphäre mit CO2 belasten können, wenn wir das 1,5° Ziel erreichen wollen – beim derzeitigen Ausstoß werden wir in sieben Jahren unser Budget (von dem Bendell behauptet, dass es gar nicht existiere) aufgebraucht haben werden.
Das war aber nur die Einführung. Wir erfahren nun etwas zur Tradition der Psychosomatik in Heidelberg und den persönlichen Hintergrund von Herrn Nikendei, wie er zur Psychosomatik und seinen Themen gekommen ist. Wir sehen Fotos von einem ertrunkenen Kind (Alan Kurdi) und dem Kind des Vortragenden. Vor diesem Hintergrund wurde für Herrn Nikendei die Frage drängend: „Welche Art von Welt, geben wir an unsere Kinder weiter?“
Er benennt einige seiner Quellen für „kluge Gedanken“ von Philosoph*innen und Soziolog*innen zum Klimawandel, die er auch in diesem Vortrag verwenden will. Jetzt bekommen wir die Struktur des Vortrags genannt:
Klimawandel und Kognitions-/Sozialpsychologie; Tiefenpsychologie, Psychotraumatologie; und psychische Aspekt, sowie Klimawandel was nun?

Klimawandel und Kognitions- Sozialpsychologie

Der Sachstand

Aber zunächst gibt es noch einige Informationen zum aktuellen Sachstand. Dieser ist bereits einigermaßen alarmierend, wie das Potsdamer Klimainstitut feststellen muss. So sind die Bereiche Erwärmung, Artenvielfalt und Nitratzyklus bereits massiv aus dem Gleichgewicht geraten. Dass z.B. das Erdklima bereits um über 1° C zugenommen hat, wird zwar inzwischen weitgehend anerkannt, aber dass der Mensch die Ursache dieser Erwärmung ist, wird fast ebenso weitgehend bestritten.
Auf dem derzeitigen Entwicklungspfad laufen wir auf eine Erwärmung von etwa 4° C zu (Hochrisikoszenario). Das würde dazu führen, dass z.B. Nordindien unbewohnbar werden würde – Djakarta in Indonesien ist jetzt schon dabei, sich von der Küste wegzubauen, denn der Meeresspiegel wird weiter ansteigen und in einigen Jahren dramatisch ansteigen. Weitere Folgen wären geschätzte 140 Millionen Menschen, die die Flucht ergreifen müssten – doppelt so viele wie im Moment; und bis zu 40% aller Tierarten würden vermutlich aussterben.
Die Zahlen zum CO2 Eintrag in die Atmosphäre sind gewaltig – um sich zu veranschaulichen, was sich ändern müsste, mag die Zahl genügen, dass deutsche Bürger*innen derzeit 11 T CO2 pro Jahr und Person verantworten, dieser Ausstoß müsste bis 2050 um 10 T (!) vermindert werden.
Die berühmte Karte von den „Kippelementen“ in der Atmosphäre demonstriert die möglichen Konsequenzen, wenn weiterhin viel zu wenig getan wird – (und dabei ist in diesen Berechnungen noch nicht einmal der steigende Methangehalt der Atmosphäre berücksichtigt).
Diese „harten“ wissenschaftlichen Fakten sind solider, als jene, die über Corona bekannt sind. Die spannende Frage entsteht: Wenn wir so viele Informationen und Wissen haben, warum geschieht dann so wenig? Wir sehen doch, dass wissenschaftlicher Rat in der Corona Krise sehr hilfreich ist. Offenbar genügt es nicht, gesicherte Informationen zu haben – wir ertrinken geradezu in ihnen, und was wir stattdessen nutzen sind unsere Gefühle und der sog. gesunde Menschen verstand, allerdings sind beide für die Herausforderung völlig überfordert.

Kognitions- und Sozialpsychologie

Bekanntermaßen gibt es eine angeborene Reaktion auf Bedrohungen – die Kampf- Flucht- oder Erstarrungsreaktion. Damit es aber zu diesen Reaktionen kommen kann muss die Gefahr unmittelbar, konkret und unstrittig sein. Hier liegt ein Unterschied zwischen Corona und Klimakrise. Wir sehen die Bilder der überfüllten Krankenhäuser, aber die Gefahren der Klimakrise erscheinen weit entfernt, wenig konkret, komplex und sie werden nach wie vor von einflussreichen Mitmenschen bezweifelt.
Nun kommen kognitive Verzerrungen sog. „Bias“ ins Spiel. Zum Beispiel den Verfügbarkeitsbias – Australier, die die verheerende Brandkatastrophe des letzten Jahres erlebt haben, haben eine konkrete Vorstellung von den Folgen des Klimawandels – wir in Europa hingegen haben diese direkte Erfahrung (noch) nicht.
Von einer weiteren Verzerrung sind vor allem Eltern betroffen – der Optimismus Verzerrung. Eltern wollen und können sich oft nicht vorstellen, dass die Zukunft ihrer Kinder eher trübe aussehen wird.
Noch eine Verzerrung wird durch Gruppenzugehörigkeit begünstigt. In Gruppen wird auch eine bestimmte Sichtweise auf die Welt gepflegt. Diese Sichtweise kann sogar zum Merkmal der Gruppenzugehörigkeit werden – siehe die Situation in den USA.
Eine weitere wichtige Rolle spielen Desinformationen und Manipulation durch und vermittels der Sozialen Medien. So erhält nicht jeder Mensch, der den Begriff „Klimawandel“ googelt, dieselben Ergebnisse. Diese hängen u.a. von vorherigen Suchbegriffen ab, aber auch von vielen anderen Informationen, die die Anbieter gesammelt haben.
Damit immer noch nicht genug, handelt es sich bei der Klimathematik um ein sog. verflixtes/verzwicktes Problem. Ein solche zeichnet sich durch Komplexität, Vernetztheit, Zielpluralität und Unschärfe aus. Hier gibt es eine gewisse Nähe zur Corona Situation.
Zuguterletzt spielen auch Beschleunigung und Entfremdung in der Kultur ihre Rolle. Der Soziologe Hartmut Rosa hat dies so zugespitzt und „Eskalation des Weltverhältnisses der Moderne“ genannt. Strukturell sieht es so aus, dass sich die Moderne nur dynamisch stabilisieren kann, sie benötigt Wachstum zum Erhalt des Status Quo. Kulturell sieht Rosa einen „Kategorischen Imperativ der Moderne“ am Werk: „Handle stets so, dass Deine Weltreichweite größer wird!“
Die Folgen dieses Weltverhältnisses sieht er strukturell als „Desynchronisation“ – Die Natur ist zu langsam, was zur Öko-Krise führt; und die Seele ist zu langsam, was zur „Psycho-Krise“ führt.
Die kulturellen Folgen sieht er in einer Verdinglichung der Weltbeziehung. Es kommt zur Entfremdung, dem Erleben einer „schweigenden Welt“. Das führt in der Folge zu Derealisation, Zynismus und weiteren Symptomen eines „Burn-out“.
Wenig ermutigend sind Experimente mit Student*innen, die einen Spieleinsatz so aufteilen können, dass am Ende die Welt gerettet wird. Dazu müssten sie einen Teil ihres Geldes hergeben, aber leider scheint diese altruistische Haltung wenig verbreitet.
Als Zwischenfazit fasst Herr Nikendei zusammen, dass wir kognitiven Verzerrungen unterliegen und dass es offenbar nicht gelingt, den Abgrund zwischen Wissen und Handeln zu überbrücken.

Klimawandel und Tiefenpsychologie

Als kurze Einführung führt der Redner das Grundkonzept der TP an. Es geht in ihr um eine Konflikt- und Strukturtheorie. Also unbewusste Konflikte oder strukturelle Mängel führen zu psychischem Leiden.
Im Falle des Konflikts geht es um widerstreitende Motive, Wünsche oder Bedürfnisse, die zu inneren Konflikten führen. Dies geht mit Gefühlen von Verlust, Schuld, Angst, Scham, Verzweiflung und Neid einher, und diese unerträglichen Gefühle müssen mittels psychischer Abwehr vom Bewusstsein ferngehalten werden.
Anhand des „Strukturmodells“ von Freud (Es, Ich, Über-Ich) bekommen wir das erläutert. Wir sind (auf der Es-Ebene) in einer umfassenden Natur beheimatet, hier finden wir auch die naturbezogenen Bedürfnisse unserer kreatürlichen Existenz.
Auf der mitmenschlichen Ebene (Ich-Ebene) sind wir geborgen und Kulturschaffende Wesen.
Und wir haben Ideale für unsere Existenz, die Ebene des Gewordenen (Über-Ich-Ebene), dort finden wir Leistungsanforderungen.
Durch die Dynamik der Prozesse werden wir aber von unserer Verbundenheit entfremdet. Dies führt zum Gefühl der Bedrohung, wo Heimat sein müsste, zu hektischer Bearbeitung, wo Geborgenheit sein müsste und zu künstlich Gemachtem, wo Gewordenes sein müsste. Dies alles führt zu der Erfahrung, dass die Natur zurückschlägt und dies wiederum zum Gefühl der Scham.
Scham: … „reflektiert eine Ahnung des Scheiterns oder ein Defizit des Selbst“, bzw.: „Scham paralysiert und führt zu einem Leben in Neid“
Wiederum Gefühle, die abgewehrt werden müssen, z.B. durch Verleugnung (gibt es gar nicht) oder Omnipotenzfantasie (z.B. Technik Omnipotenz). Ebenfalls möglich ist Abwehr durch Projektion (Greta isst aus einer Plastikschale), Entwertung (siehe Eingangsbeispiel), Spaltung (Greta als Heilige oder Hexe), Rationalisierung (das wird das Klima nicht kippen lassen, wenn ich nach Hawaii fliege) oder Sublimierung (Spenden, Kompensationen).
Kompakt zusammengefasst lautet das folgendermaßen: „Die umfassende Realisierung eines globalen Desasters und die Anerkennung unseres eigenen Beitrags wäre möglicherweise vernichtender und bedrohlicher für uns als die auf uns zukommende Bedrohung selbst.“ – Also: „Die Hinnahme eines drohenden „äußeren Untergangs“ gefährdet uns weniger, ist weniger beschämend für uns, als der drohende „innere psychische Untergang.“

Identität und Selbstwert

Identität und Selbstwert sind von der kulturellen Einbettung abhängig. Also wie wird (falls überhaupt) über Klimaentwicklungen in den sozialen Kontexten gesprochen?
Strukturelle und Gesellschaftsstrukturelle Perspektiven drehen sich um die Symbolisierung der Klimakrise. Das verbreitetste (Nicht-) Narrativ (Erzählung) dazu, ist laut Herrn Nikedei die kollektive Stille – die Klimakatastrophe wird schlicht und einfach verschwiegen.
Die Einstellung zum Thema wird zu einem Gruppenmerkmal, mit der möglichen Folge, dass an Einstellungen festgehalten wird, die hinterfragbar oder sogar falsch sein können. Verstärkend kommen die „Echo-Kammern“ der sozialen Medien hinzu – sie führen in einen Zustand von „pluralistischer Ignoranz“.
Eine weiter Folge von sozialen Medien ist, dass sie persönliche „Wunsch-Identitäten“ beeinflussen. Sie fördern einen forcierten Individualismus, fokussieren auf individuelle Selbstoptimierung und entgrenztem Konsumverhalten. Im Zentrum stehen Produkte, die identitätsstiftend geworden sind und im Sinne eines „falschen Selbst“ verstanden werden können.

Empathie

Zum Preis der CO2 Erzeugung, den andere Länder und deren Bevölkerungen zahlen müssen, meint ein Ex-Präsident eines Inselstaats sinngemäß, dass dieses Verhalten, wider besseres Wissen, einen kriegerischen Akt darstellt, dem die Betroffenen ohnmächtig ausgeliefert sind. Eine andere Formulierung bringt es so auf den Punkt: „Diese Länder sind nicht unterentwickelt, sie sind über-ausgebeutet.“
Vor diesem Hintergrund macht uns Herr Nikendei klar, dass auch Deutschland ein Entwicklungsland ist. Gemessen an den UNO Zielen 2030 wird viel zu wenig insbesondere für den Klimaschutz unternommen.

Körperselbst

Das Körperselbst ist auch eine strukturelle Dimension. Der Vortragende zieht eine bedenkliche Bilanz. Es lässt sich feststellen, dass: „Trotz aller vermarkteten Natur- und Körperkulte, existiert eine tiefgreifende Natur- und Körpervergessenheit.
Sinnliche Seiten der selbsttätigen inneren Natur werden in den Bereich des Schöngeistigen oder des Freizeitmarkes verschoben.
Die Eigenständigkeit der leib-seelischen Körperdynamik wird auf dem Niveau einer pathologischen Selbstobjekt-Beziehung missbraucht.“

Klimawandel und Trauma

Wir erfahren, dass von den Menschen, die z.B. Hurrikans erleiden mussten, bis zu 80% eine Traumfolgenstörung entwickeln. Und wir erfahren auch vom „Trauma der Täter“. Insbesondere die europäischen Nationen sind Erben kulturhistorischer Verbrechen wie dem Kolonialismus, dem Nationalsozialismus, dem Rassismus und der Sklaverei. Dieses transgenerationale Erbe kann zu Dissoziationen und dadurch zu einer doppelten Buchführung münden. Z.B. sponsern Ölkonzerne gerne Klimaschutzmaßnahmen.
Was das Eingreifen ebenfalls erschwert ist das Phänomen der passiven Dabeistehr – es sind so viele Menschen da, da wird sich schon ein anderer darum kümmern.

Psychische Aspekte

Bisher liegen Ängste vor dem Klimawandel in Deutschland auf dem zehnten Platz, sie sind nur bei 41% vorhanden. Aber es gibt inzwischen so etwas wie „Eco-Anxiety“ – Besorgnis um den Klimawandel. Dieser geht einher mit Symptomen von Depression, Angst und Stress. Vor allem bei Frauen, die jünger als 35 Jahre alt sind, die eine umweltbezogene Einstellung haben – sie entwickeln eine Tendenz zur Zukunftsangst.
Eine weiterer Klimaeffekt ist, dass Hitze die Aggressionen vermehrt. Wir sehen dazu eine eindrückliche Statistik über den Anstieg von Gewaltdelikten in den USA zwischen 2010 und 2019, einer Zeit, in der verschiedene Hitzerekorde gebrochen wurden.
Die Frage, inwiefern unser Alltagsverhalten eine Fremdgefährdung darstellt und deshalb evtl. auch regulatorisch begrenzt werden müsste, wird kurz aufgeworfen. Wir sehen, welche Proteste die Corona Regeln bereits bei manchen Menschen auslösen.
Auch die Frage, ob wir gerade dabei sind einen „Pan-Suizid“ zu begehen wird noch angesprochen.

Klimawandel und nun?

Was können wir tun? Wie kann eine Veränderung herbeigeführt werden. Eine Antwort darauf gibt das „Change-Management“. Dieses beschreibt eine Art Stufenplan, der durch die folgenden Schritte verwirklicht werden könnte: Im Zustand der Sorglosigkeit wäre es wichtig ein Problembewusstsein zu schaffen. Dieses führt zur Bewusstwerdung. Hier müssten Ambivalenzen aufgelöst werden. Sodann können Vorbereitungen getroffen werden. Dafür braucht es eine Zielplanung, auf die dann die Handlung folgen kann. Nach erfolgter Handlung geht es darum die Ergebnisse zu konsolidieren und letztlich auch darum, einen Abschluss zu finden.
Aber es gibt einen kleinen Dämpfer danach. Eine Statistik aus der Psychotherapie zeigt, dass zwar sowohl Verhaltens- als auch Tiefenpsychologische Therapie erfolgreich sein kann, aber nie alle Patient*innen erreichen kann.
Wir brauchen mehrere Ansatzpunkte. Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Initiativen, Erfolge, z.B. beschlossene Begrenzungen von CO2 Ausstoß. Erste Schritte könnten in moderaten Anpassungen bestehen – weniger Flugreisen, Fleischkonsum usw. Allerdings würde uns das nicht mehr retten. Es braucht sehr ambitioniert Veränderungen der Lebens- und Wirtschaftsweisen, damit wir halbwegs sicher sein können, dass der Planet bewohnbar bleibt.
Ein wichtiger Bereich könnte auch intrinsische Motivation darstellen. Intrinsische Faktoren wären: Werteorientierung, die Möglichkeit, Identität und Status Ausdruck zur verleihen (mit Klimaengagement). Dabei spielt die Symbolik von Handlungen eine scheinbar wichtigere Rolle als extrinsische Anreize wie Steuererleichterung oder Ähnliches. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, denn es gibt den sog. „Single-Action-Bias“, der dazu führt, dass man einmal einen Gemüseauflauf ist und das als ausreichend empfindet. Man könnte auch das Greenwashing dazu zählen.
Die Rolle der notwendigen technischen Innovationen wird auch nicht vergessen. Wir brauchen sie, aber der „Technical-Fix“ der CO2 Problematik ist eher unwahrscheinlich. Weder die „Direct Air Capture“, noch die Elektrifizierung des Verkehrs, die Aufforstung oder die Verteilung von Schwefel in der Stratosphäre sind in der Lage, genügend CO2 zu binden.
Es werden wohl politisch beschlossene Normen notwendig. Dass diese erfolgreich sein können, sehen wir im Moment in der Corona Situation. Oder als älteres Beispiel, die Gurtpflicht im Auto. Ansonsten wird möglicherweise ein Gedankenspiel wahr, dass Politiker*inne in Zukunft wegen „Ökozid“ angeklagt werden könnten.
Neue Normen bräuchte es auch für die Wirtschaft. Hier wäre die Frage zu stellen: Wollen wir die Zukunft gestalten oder abwarten, wie wir mit dem Desaster umgehen können? Es scheint auf der Hand zu liegen, dass Geld alleine nicht ausreichen wird. Die Art des Wirtschaftens an sich steht zur Disposition – von den vielen Möglichkeiten wählt der Vortragende die „Post Wachstumsökonomie“ von Nico Paech. Aus dieser Sicht braucht es neue Effizienzstrategien, Konsistenzstrategien, Suffizienzstrategien und Re-Regionalisierung. Oder auch: „All you need is less“.
Auch Maja Göpel wird noch zitiert. Sie spricht in Anlehnung an Max Weber von der herrschenden „Eisenkäfig-Ökonomie“ und stellt fest, dass diese zu Fragmentierung, Quantifizierung/Monetarisierung, Akkumulation und Vergleich/Ranking führt.
Einen weiteren Aspekt stellt die „Radikale Ethik“ von Donna Orange dar. Diese fordert die Anerkennung an unserer Beteiligung am Desaster des Klimawandels. Sie fordert eine neue Gesellschaftsorganisation, in der Maßlosigkeit keinen Platz hat, indem wir auf politischer, ökonomischer, technischer, ideologischer Ebene in der Haltung einer radikalen Ethik Ungerechtigkeiten und Glück auf Kosten anderer nicht tolerieren“.
All das kann nur funktionieren, wenn sich Individuen für sich selbst für Veränderungen entscheiden, dabei aber das Kollektiv mitnehmen, und wenn auch Kollektive die Einzelnen ermuntern, die neuen Wege zu beschreiten.
Dazu braucht es auch neue soziale Wert, denn es gibt Chancen für Soziale Kipppunkte, die dann eine Kettenreaktion der Veränderung auslösen könnten.
Zuguterletzt kommt noch die Achtsamkeit als Wirkfaktor ins Spiel. Hier greift Herr Nikendei wieder Hartmut Rosa und dessen Resonanzkonzept auf. Es empfiehlt uns, berührbar zu sein, Veränderungen durch Berührung zuzulassen, Toleranz für Ergebnisoffenheit zu entwickeln, die Unverfügbarkeit von Resonanz anzuerkennen, auf Berührung zu antworten und vor allem seine eigene Unsicherheit und Verletzlichkeit anzuerkennen.
Aus der Psychotherapie ist bekannt, dass die Hinwendung zu etwas Neuem immer mit dem Betrauern des Verabschiedeten einhergeht – mit der Anerkennung, dass die Dinge nicht mehr so sind wie früher. Dazu brauchen wir Mut, denn es wird auf jeden Fall auch Verlierer*innen geben. Und, wir brauchen Vorbilder, Rollen Modelle, die uns inspirieren.
Damit all diese Aspekte ineinandergreifen können braucht es dann auch noch eine gute Klima-Kommunikation: „Einen Raum, um zu üben, den Klimawandel zu >symbolisieren< denn wenn dieser in die Realität der Sprache tritt, tritt er in unsere Bewusstseinsrealität und wird damit Teil unserer Lebensrealität.“ Haben wir Macht oder sind wir dem Klimawandel ohnmächtig ausgeliefert? Solange wir noch handeln können, haben wir noch die Macht etwas zu verändern, so der Schluss von Herrn Nikendei. Ich bin einigermaßen erschlagen von der Fülle dieses Inputs und hoffe, der/die Leser*in hat bis zum Ende durchgehalten.

Klimaengagement und Burnout

Die Klimabewegungen sind immer noch am Anwachsen. Immer mehr Menschen engagieren sich, organisieren sich und arbeiten daran, dass die Erde ein für Menschen bewohnbarer Planet bleiben kann.
Sie müssen dabei gegen eine Politik ankämpfen, die sich nur im Schneckentempo bewegt; gegen Klimawandelleugner*innen, von denen sie häufig auch noch beschimpft werden; gegen Klimawandelskeptiker*innen, die sich von den Gründen nicht überzeugen lassen wollen, und last but not least auch noch gegen Verleugnungs-Kampagnen der Ölindustrie.
Etliche Menschen investieren sehr viel Zeit und Energie in Aufklärung, Informationsveranstaltungen, Demonstrationen, Aktionen und Petitionen. Für viele verändert sich der Alltag in mehr oder weniger großem Ausmaß.
Ein solcher Einsatz kann sehr positiv wirken. Er vermittelt Selbstwirksamkeit, Wachheit, sorgt für neue und intensive soziale Kontakte.
Was diese positiven Aspekte bedrohen kann, ist, mangelnde soziale Ankerkennung und Erfolglosigkeit. Auf längere Sicht kann das in Richtung eines sog. Burnouts führen.

Was ist ein Burnout?

Ein Burnout ist eine körperlich-seelische Reaktion auf länger anhaltende Überlastung. Die Stresssysteme des Körpers geben uns die Möglichkeit, außerordentliche Leistungen zu vollbringen. Sie sind allerdings eher für Ereignisse ausgerichtet, die nur kurze Zeit dauern. Wird das Stresssystem längere Zeit beansprucht, hat das früher oder später Folgen.
Ein Burnout lässt sich feststellen, wenn zwei der folgenden drei Merkmale erfüllt sind: Erschöpfung, Depression, Zynismus.

Erschöpfung:

Das Gefühl nicht richtig wach zu werden, Energielosigkeit, Rastlosigkeit, schlechter Schlaf, beim Erwachen das Gefühl nicht ausgeruht zu sein, Gedankenkreisen etc.

Depression:

Konzentrationsmängel, Lustlosigkeit, Müdigkeit und/oder Schlafstörungen, Grübelei, vermindertes Selbstwertgefühl, Perspektivlosigkeit, Schuldgefühle, Antriebslosigkeit. Die Symptome können gemischt und in verschiedenen Schweregraden auftauchen. Die Neigung, viel Alkohol zu trinken oder sich sportlich zu verausgaben, nimmt zu.

Zynismus:

Gefühlskälte, Hassimpulse, Verlust von Empathie, Böswilligkeit, Ablehnung von Mitmenschen etc.
Oft werden diese Symptome erfolgreich nach außen verborgen, schlagen aber in der Nacht umso stärker zu. Nicht selten fühlen Betroffene sich auch noch schuldig für ihre „Schwäche“. In der Folge kommt es zu einem Gefühl von Isolierung und Einsamkeit.
In der weiteren Folge können körperliche Beschwerden auftreten. Das Immunsystem wird schwächer, die Infektionsanfälligkeit steigt; das Herz-Kreislauf System ist überlastet; die Verdauung bekommt Probleme usw.

Wer ist besonders gefährdet?

Menschen, deren Gesundheit bereits beeinträchtigt ist, haben ein erhöhtes Risiko, von Burnout betroffen zu werden. Auch ernste Beziehungsstörungen (Partnerschaft, Erkrankung von Angehörigen etc.) im Nahbereich sind ein zusätzlicher Stressor. Und auch besondere Belastungen am Arbeitsplatz sind sicher ungünstig für die Widerstandskraft.

Was kann man als Betroffene*r tun?

Sicher hilfreich ist es, wenn man sich nicht sechszehn Stunden jeden Tag mit dem Thema befasst. Auszeiten einplanen und einhalten, Internet und Medien Abstinenz, Smart Phone ausschalten, Ruhezeiten einplanen. Wenn man dabei alleine ist, für Erlebnisse sorgen – im Wald spazieren gehen, einen Ausflug unternehmen, ein Buch lesen, Musik hören, sich eine Massage geben lassen, meditieren, moderat Sport treiben etc. Gesellige Abende, bei denen nicht über das Thema gesprochen wird sind sicher auch hilfreich – spielen, lachen, tanzen etc.
Für Betroffene, bei denen bereits Symptome eingesetzt haben, ist es hilfreich, sich einen Gesprächskreis, zumindest aber einen Menschen zu suchen, mit dem sie über ihre Empfindungen und Gefühle sprechen können. In einem Gesprächskreis kann auch gemeinsam nach etwas gesucht werden, was helfen kann, dass die Symptome sich nicht festsetzen.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen?

Ja, die gibt es. Bereits oben genannt wurde die Zeitplanung, die ausreichend Erholungsmöglichkeiten lässt. Innerhalb der Gruppen könnten sich Gesprächskreise bilden, in denen darüber gesprochen werden kann, wie es den einzelnen geht, wie sich fühlen, was sie bedrückt usw.
Da Erfolge in näherer Zukunft nicht so wahrscheinlich sein werden, bzw. nur in kleinschrittigen Verbesserungen bestehen werden, wäre es wichtig, dass in den Gruppen auch so etwas wie eine Anerkennungskultur praktiziert werden würde. Alle sind engagiert im Rahmen ihrer Möglichkeiten, und manche vergleichen sich vielleicht mit anderen, die mehr Zeit investieren – ein zusätzlicher Stress. Jedes Engagement ist wichtig und es wäre hilfreich, wenn das auch ausdrücklich gewürdigt werden würde.
Ebenfalls hilfreich könnten Spieleabende, Tanzabende oder ähnliche Vergnügungen sein, die allerdings nichts mit dem Klima zu tun haben sollten.
Die Klima-Situation erfordert Engagement. Es dient den Zielen des Engagements nicht, wenn sich die Engagierten über ihre Grenzen hinaus anstrengen. Jede*r Einzelne kann sich immer wieder klar machen, dass keiner von uns alleine die Welt retten wird.

Klima und Psyche III

In meinem letzten Beitrag zum Thema, habe ich zwei Aspekte der Abwehr nicht behandelt. Sie stammen von Irvin Yalom, dem existenziellen Psychotherapeuten und ich denke, auch sie können hilfreich dafür sein, sich in dieser Zeit besser zu verstehen.

Was so bedrohlich wie der Tod erscheinen kann

Der sog. Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung, die am Horizont aufgetaucht ist, bzw. mit jeder Hitzewelle näher kommt.
Dieser aktuelle Prozess der Klimaveränderung stellt Gesellschaften und Menschen vor große Herausforderungen. Noch lässt sich nicht sagen, wo, wie, wie schnell und wie ausgeprägt sich die Veränderungen auswirken werden. Recht gewiss erscheint aber, dass Veränderungen auf uns zu kommen.
Die Diskussion über den Klimawandel zieht sich durch die gesamte Gesellschaft, sie findet in Firmen statt, in Familien und in Beziehungen. Mitunter sorgt das Thema für erbitterten Streit, führt teilweise zu Entzweiung oder zu unterirdisch schlechter Stimmung.
Meine These ist, dass die Situation so furchteinflößend ist, dass viele Menschen deshalb diese Realität abwehren.

Abwehr der Todesangst bei Kindern

Yalom beschreibt wie Kinder, denen angstvoll ihre Sterblichkeit bewusst wird, ihre Angst mit einer von zwei typischen Fantasien bezwingen. Die erste Fantasie besteht darin, sich vorzustellen, ein ganz besonderer Mensch zu sein. „Ja es gibt den Tod (für alle anderen) aber an mir wird er vorbeigehen.“
Das andere Muster besteht in der Fantasie eines idealen Retters. „Ja, irgendwann wird der Tod auch an meine Tür klopfen, aber ganz sicher kommt dann jemand, der mich retten wird.“
Es mag beim Lesen lächerlich erscheinen, dass solche Wunschträume tatsächlich die Todesangst besiegen können, aber offenbar ist es so. Und tatsächlich beschreibt Yalom, dass noch viele erwachsene Menschen auf diese Art mit ihrer Todesangst fertig werden – auch wenn sie das natürlich bestreiten würden.

Verhaltensweisen von Erwachsenen mit kindlichen Abwehrmustern

Die „besonderen Menschen“ pflegen gerne einen riskanten Lebensstil. Extremsport, Extrem-Arbeit, Extrem-Einsätze wofür auch immer.
Die Art des „besonderen Menschen“ mit dem Klimawandel umzugehen, ist der Gedanke, dass es ihn/sie nicht treffen wird und also gar nichts angeht. Das führt zu einem passiven Verhalten, das keinerlei Bereitschaft zeigt, sich den veränderten Umständen anzupassen. Im Zweifel werden solche Menschen ärgerlich werden, wenn sie mit den Tatsachen konfrontiert werden – eine Reaktion, die in allen Medien immer wieder zu sehen und zu lesen ist. Die zweite Spielart mit dieser Einstellung wäre der Eindruck, dass die paar Grad mehr an Temperatur ihnen nichts anhaben können und dass diese ganzen klimabesorgten Leute sich nicht so anstellen sollen.
Die „besonders beschützen Menschen“ schließen sich gerne größeren Gruppen, gerne auch kirchlichen oder spirituellen Vereinigungen an, und leben dann nach den Verfügungen des geistigen Oberhaupts.
Die Art der „beschützen Menschen“ mit dem Klimawandel umzugehen, ist die Suche nach einem/einer Beschützer*in. In diese Rolle kann jeder Klima-Guru kommen, oder auch Klima- und Umweltgruppen, die sich gegen die Veränderungen zur Wehr setzen, aber natürlich kommen auch Gurus und Gruppen in Frage, die den Klimawandel oder dessen menschengemachte Ursache verleugnen. Im Hintergrund spielt fast immer eine Art magisches Bewusstsein eine Rolle. Das funktioniert so, dass, wenn ich nicht daran denke und immer alles richtig mache, mir schon nichts passieren wird.
Irvin Yalom weist auf die Unreife dieser Fantasien hin, und darauf, dass diese Abwehrmanöver leicht zerbrechen können – spätestens dann, wenn sie mit einer potenziell tödlichen Situation konfrontiert werden. Was dann geschehen kann, ist ein Absturz in tiefe Depression oder auch frei flotierende Angst, die nicht mehr zu beherrschen ist.

Was wäre zu tun?

Es gibt natürlich weder für die Klimaproblematik, noch für die Diskussionsproblematik eine Patentlösung. Die psychischen Perspektiven dieses und der letzten beiden Artikel können nur erklären helfen, wie die verschiedenen Positionen zustande kommen – in der Hoffnung, dass so das gegenseitige Verständnis begünstigt wird.
Als Grundlage für Diskussionen müsste zunächst ein Einverständnis über den Sachstand gefunden werden. Aber häufig beginnt es bereits hier, dass dieses Einverständnis nicht gegeben ist.
Dazu bald mehr.

Psyche und Klimawandel II

Die Reaktionen auf die Berichterstattung zum Klimawandel reichen von blanker Verleugnung über milde Besorgnis bis zur Theorie der nahen Apokalypse. Angenommen, dass die meisten Mitmenschen dazu in der Lage sind rational zu denken, mag das überraschend erscheinen. Die Daten des sog. Klimawandels belegen ja einen objektiv ablaufenden physikalischen Prozess – sie sind so real wie die Schwerkraft oder die Lichtgeschwindigkeit, wie Tag und Nacht.
Natürlich bedeuten diese Daten etwas anderes als Schwerkraft oder Lichtgeschwindigkeit. Was genau sie bedeuten, darüber sind sich sogar die Klima-Wissenschaftler*innen nicht alle einig. Auch in der Gemeinde der Klimatolog*innen gibt es eine Normalverteilung (Glockenkurve). Am einen Ende werden die Folgen als nicht so gravierend eingeschätzt, am anderen Ende als sehr gravierend und dazwischen werden gravierende Folgen als wahrscheinlich angesehen.
Es geht bei den klimatischen Veränderungen um Zukunftsvorhersagen, bzw. um Einschätzungen der messbaren Trends – gehen sie linear weiter? Beschleunigen sich die Trends? Wird es Sprünge oder Stufen geben? Das lässt sich nur in Wahrscheinlichkeiten ausdrücken, die immer wieder mit der Realität abgeglichen werden müssen.
Eine Tatsache ist, dass nahezu alle Medien inzwischen fast täglich von den Veränderungen berichten. Was macht das mit uns Leser*innen, Hörer*innen, Seher*innen? Ein Unterton an Bedrohung lässt sich kaum aus den Berichterstattungen herausfiltern. Dass diese Bedrohungslage eine gewisse Unausweichlichkeit mit sich bringt (explizit oder implizit), bringt den Klimawandel in assoziative Nähe zum Tod. Und dass diese Sterblichkeit, die am gründlichsten verdrängte Wahrheit von allen ist, ist schon fast eine psychologische Binsenweisheit.

Umgang mit dem Unausweichlichen

Das berühmte Phasenmodell zum Umgang mit dem Tod von Elisabeth Kübler-Ross bietet sich damit auch als Betrachtung für den Umgang mit dem Klimawandel an. Die erste Phase besteht darin, das Unausweichliche nicht wahrhaben zu wollen. Es wird einfach nicht geglaubt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – das gibt es doch nicht! Das kann doch nicht wahr sein! Diese Reaktion findet sich ausgiebig in Internetforen, aber mitunter auch in politischen Positionen.
Die zweite Phase besteht in Ärger und Zorn. Verdammt nochmal, wer hat denn diese Sch*** bloß angerichtet. Die Suche nach Verursachern, Schuldigen und/oder Sündenböcken nimmt Fahrt auf. Das können wahlweise Politiker, Firmen oder auch Mitmenschen sein.
Die dritte Phase besteht im Verhandeln. Also es gibt doch wohl noch eine Möglichkeit das aufzuhalten, eine Möglichkeit, dass es nicht ganz so schlimm wird. Wenn wir vielleicht weniger fliegen und uns veganer ernähren, dann wird noch alles gut. Oder vielleicht liegt das ja nur an Messfehlern, oder diese Ganze Clique von Wissenschaftlern ist eh von irgendjemandem gekauft und es ist alles gar nicht wahr.
Die vierte Phase geht nun in die Depression über. Die Ohnmacht wird gegenwärtig – es gibt keine Handlungsoption mehr, alles ist sinnlos, der Einsatz ist verspielt. Solcherart Betroffene posten nicht einmal mehr auf Facebook oder Instagram – sie wenden sich wohl eher dem Alkohol oder anderen Drogen zu.
Als fünfte Phase beschreibt Kübler-Ross die Zustimmung. Sie bringt den Betroffenen Frieden. Ja es ist so und ich kann nichts daran ändern, als mich der Veränderung hinzugeben. Der Mensch wird wieder handlungsfähig. Pragmatisch und hilfsbereit ist es jetzt möglich, wieder am Leben teilzuhaben, solange es eben noch geht.
Die Musiktherapeutin, Psychologin und Theologin Monika Renz hat bei ihren Forschungen noch eine weitere Phase gefunden und etwa so formuliert: Die Wandlung und spirituelle Öffnung. In der Hingabe an das Unausweichliche mag ein Kontakt mit dem Überpersönlichen „Sein“ gelingen, dass dem Leben noch einmal einen tieferen Sinn zu geben vermag.

Aktuelle Abwehr Trends

Aus der soziologischen Perspektive werden zwei Arten von Verleugnung (psychische Abwehr) beschrieben. – eine interpretative und eine implikative.
Eine interpretative Abwehr beschreibt die Strategie, zwar die Umstände anzuerkennen, aber sich noch mit hoffnungsvollen Zeichen zu beruhigen – Z.B.: „Der CO2 Gehalt in der Atmosphäre steigt zwar, aber es werden ja auch jede Menge Windräder gebaut.“
Mit implikativ ist gemeint, dass die Schwierigkeiten, die mit der Entwicklung verbunden sind zwar klar gesehen werden, dass daraus aber Aktivitäten entstehen, die weder geeignet sind die Entwicklung aufzuhalten, noch mit den zukünftigen Schwierigkeiten umzugehen – Z.B. Petitionen unterzeichnen, Flyer verteilen, in Sozialen Medien posten usw.

Psychotherapie und Klimaängste

Es scheint, als würden die Ängste zu diesem Thema tatsächlich zunehmen. Vor allem Kinder und Jugendliche fühlen sich von der Entwicklung bedroht, aber auch Erwachsene leiden direkt oder indirekt (über ihre betroffenen Kinder) unter der Situation. Die Themen der Betroffenen lassen sich mühelos der Liste von Kübler-Ross zuordnen – Ohnmacht, Ängste, Zorn, Grübelei, Trauer und Depression.
Was kann Psychotherapie hier anbieten? Ist sie überhaupt in der Lage, angemessen mit diesen Symptomen umzugehen? Schließlich geht es nicht um biografische, systemische oder strukturell bedingte Befindlichkeiten, sondern um die Konfrontation mit realen Fakten. Man könnte sagen, dass diese Befindlichkeiten gesunde (zumindest aber normale) Reaktionen auf eine kranke Umweltentwicklung sind.
Eine Faustregel in der PT ist, dass die Anerkenntnis der Wahrheit zwar oft schmerzhaft ist, aber letztlich der einzige Weg dahin, einen gewissen Frieden zu finden und wieder handlungsfähig zu werden.
Die Integration der Gefühle mag aus biografischen Gründen erschwert sein. Aber auch wenn das nicht der Fall ist, kann eine PT dabei unterstützen, die Integration zu erleichtern. Allerdings sollte der/die Psychotherapeut*in sich Rechenschaft darüber ablegen, wie er/sie selbst mit der Herausforderung von Gegenwart und Zukunft umgeht, damit die Verleugnung nicht einfach weitergeht.

Klima und Psyche

Sigmund Freud ging davon aus, dass das Leben in einer zivilisierten Kultur fast zwangsläufig eine neurotische Anpassung hervorbringt. Wilhelm Reich engagierte sich in den Elendsvierteln von Wien, weil er davon ausging, dass die sozialen Umstände seelisches Leid mitverursachen. Auf der anderen Seite legte er dar, wie die gesellschaftliche Unterdrückung der Sexualität, faschistischen Parteien in die Hände spielt. Für das „Human Potential Movement“ und die Humanistische Psychotherapie lag (und liegt) es auf der Hand, dass persönlich-psychische Entwicklung und soziale Strukturen miteinander verbunden sind und aufeinander einwirken. Beide Aspekte sollten sich zum Besten der Menschheit weiter entwickeln.

Solche Gedanken sind, meiner Wahrnehmung nach, weitgehend aus der Klinischen Psychotherapie verschwunden. Psychisches Leiden ist eine Angelegenheit des persönlichen Erlebens – die persönliche Biografie hat dieses wesentlich geformt. Wissenschaftliche Psychologie, Neurobiologie und –Psychologie, sowie Bildgebende Verfahren treiben die Objektivierung des psychischen Erlebens immer weiter voran. Subtil wird psychisches Erleben wieder mehr in Richtung eines „psychischen Apparats“ gedeutet, wenn auch heutzutage Computer Metaphern beliebter sind. Es geht darum, die Programmierung zu verändern, Algorithmen zu finden, die effektiver sind, Spuren zu löschen, bzw. neue anzulegen. In der PT geht es dann darum, sich so zu programmieren, dass soziale Härten und Ungerechtigkeiten bewältigt werden können und weniger darum, die Spielregeln des Umfelds zu verändern.

Dass soziale Phänomene wie Krieg, Vertreibung, Pogrome u. ä. über die Kraft verfügen, Menschen zu traumatisieren ist klinisch bekannt, wissenschaftlich dargelegt und begründet. Gerade Gewalt, die von Mitmenschen erlitten wird, hat eine besonders starke traumatische Potenz. Weniger potent, aber immer noch wirksam, sind Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren oder Brände.
Wenn ich nun das psychische Erleben wieder stärker an die Existenz zurückbinde, es als persönliche Perspektive auf und in die Welt betrachte, dann erschließen sich verschiedene Horizonte für dieses Erleben. Der nächste und intimste Horizont wäre der eigene Körper mit all seinen Empfindungen, Gefühlen, Impulsen, Gedanken, Motiven, Wünschen und Zielen. Als Leib betrachtet – als beseelter Körper – ist er stets im psychischen Erleben präsent. Der Leib teilt mit, wie er etwas empfindet. Er gründet und formt das, was als Bewusstsein von etwas entsteht. Körperliche Symptome wie Schmerzen, Übelkeit oder Schwäche können das psychische Erleben beeinträchtigen. Es ist nur sehr schwer möglich, diese Erfahrungen vom Bewusstsein fernzuhalten.

Der Leib nimmt auch Anteil am nächsten Horizont, dem Horizont der bedeutsamen Beziehungsfiguren. Es geht um die Möglichkeiten einer persönlichen Liebesbeziehung, um das gemeinsame Erleben von etwas. Die Zugänglichkeit zum jeweils anderen, die Herausforderung aus zwei Perspektiven einen gemeinsamen Erlebnisraum zu gestalten. Störungen dieser Beziehung belasten die Psyche enorm. Je nach Vorerfahrung können die Sorgen und Ängste etwas zurückgedrängt werden, aber wenn die Beziehung bedeutungsvoll ist, ist das sehr schwierig.

Als nächst weiterer Horizont kann das soziale Umfeld betrachtet werden. Die Nachbarn, die Gemeinde, die Kolleg*innen und alle Menschen, die wir Tag für Tag sehen. Der Arbeitsplatz spielt eine besondere Rolle. Zum einen sind hier Beziehungen entstanden, zum anderen sichert der Arbeitsplatz die materielle Existenz. Eine Bedrohung des Arbeitsverhältnisses stellt ebenfalls eine erhebliche psychische Belastung für die Betroffenen dar. Diese Bedrohung kann im Arbeitsplatzverlust bestehen, oder durch ungute betriebliche Strukturen, durch Über- oder Unterlastung oder auch durch Mobbing Dynamiken. Auch hier ist es fast nicht möglich, den Sorgen zu entfliehen, bzw. sie zu vergessen oder zu verdrängen.

Ein Horizont entsteht dann, wenn ich in eine bestimmte Richtung schaue. Die nahen Horizonte erscheinen bereits, wenn ich nur die Augen öffne. Die ferneren Horizonte kann ich ignorieren, indem ich einfach nicht hinsehe.

Der nächst ferne Horizont könnte als ein größeres soziales Umfeld betrachtet werden. Das kann eine Religionszugehörigkeit sein, eine ethnische Zugehörigkeit oder einfach die Nationalität. Je nach Identifikation können auch hier Bedrohungen empfunden werden, bzw. fühlen sich die Gemeinden, Ethnien oder Staatsbürger als solche bedroht. Sicher ist, dass es solche Bedrohungen gibt. Aber die Drohung ist tendenziell weniger konkret, subtiler, verschwommener – oft ist es nicht leicht zu unterscheiden, ob die Bedrohung real ist, oder nur heraufbeschworen wird. Psychisch wird diese Situation dann auch als unbehaglich erlebt. Insgesamt lässt sie sich aber meist besser ignorieren oder wegschieben, als in den anderen Fällen (es sei denn sie ist sehr real).

Der maximale Horizont wäre vielleicht die Erde an sich, verstanden als gemeinsame Grundlage der Existenz der Gattung (und allen Lebens) oder als Gesamtheit aller Kommunikationen. Durch die modernen Medien ist dieser Horizont näher gerückt. Er ist allerdings so gewaltig, dass immer nur Ausschnitte von ihm sichtbar werden. Wenn ich etwas Unschönes, Beunruhigendes entdecke, ist es leicht möglich, den Kanal zu wechseln. Die doppelte Distanz – räumlich und dazu noch virtuell – erleichtert es, bedrückende Bilder zu vergessen, zu verdrängen oder zu verleugnen.

Nun wird bekannt, dass die gemeinsame Existenzgrundlage bedroht ist. Nach Jahrzehnten, in denen Politik und Wirtschaft die Bedrohung verharmlost und ignoriert haben, wird von engagierten Mitmenschen die Botschaft mit Nachdruck verbreitet. Die Wucht dieser Botschaft ist niederschmetternd, wenn man sich auf sie einlässt, wenn man sie in ihrer ganzen Tragweite erfasst. Es wird zunehmend schwieriger, die Situation zu verdrängen oder zu verleugnen. Ein Abwehrversuch könnte es auch sein, die Verkünder der Botschaft anzugreifen.

Ein Aspekt des Geschehens ist die persönliche Ohnmacht. Das, was schon geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Die Veränderung geschieht bereits. In diesem Sinn sind wir zum passiven Erleiden verurteilt. Ohnmacht ist für ein Bewusstsein ein ziemlich inakzeptabler Zustand. Die beliebte Möglichkeit damit umzugehen ist es, Schuldige anzuklagen – sei das mich selbst, mit meinen Konsumgewohnheiten, oder andere, die dieses oder jenes zur Misere beigetragen haben und womöglich immer noch beitragen. Diese Abwehrmanöver scheitern zwangsläufig, denn der Konflikt bleibt präsent. Er wird immer und immer wieder präsentiert und es ist keine Flucht davor möglich.

Psychische Abwehrmechanismen sind notwendig für das, was gerne „psychische Gesundheit“ genannt wird. Sie aufrecht zu erhalten kostet den Leib und den Geist eine gewisse Anstrengung. Jeder Konflikt, jede Herausforderung und jede Schwierigkeit, die das psychische Erleben zusätzlich belastet, fordern größere Abwehrleistungen. In einer Zeit, in der ohnehin schon die Beschleunigung, die Digitalisierung und ein hoher Anpassungsdruck bewältigt werden müssen, kommt nun nicht weniger als ein apokalyptisches Szenario hinzu.

Psychotherapie kennt sich aus mit Ohnmacht, Schreck, Verleugnung, Gewalt und Angst. Ich denke, es ist an der Zeit, dass Psychotherapeut*innen sich daran erinnern, dass es in der Geschichte der PT schon einmal die Einsicht gab, dass gesellschaftliche und politische Strukturen auch Krankheiten erzeugen können. Dass sie nicht nur dazu da sein wollen, einfach die Betroffenen wieder gesund zu machen, damit sie wieder in die Maschinerie entlassen werden können.

Psychotherapeut*innen haben wertvolles Wissen und ebensolche Fähigkeiten. Sie können dabei mitwirken, die Strukturen zu verändern und die auf uns zukommenden Veränderungen möglichst bekömmlich zu gestalten. Darin mag vielleicht ein klein wenig Hoffnung liegen. Dass aus dieser Krise etwas Bekömmlicheres entstehen könnte, als das, was uns an diesen Punkt der Geschichte geführt hat.