Die Psychosomatik erkundet Resonanz und Selbst

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquiums „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 25.06.19 Joachim Bauer:
„Wie wir werden, wer wir sind – die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz“

Das Selbstsystem

Die Eingangsfrage lautet: Woher wissen wir eigentlich wer und wie wir sind, wenn wir von jemandem danach gefragt werden. Eine Antwort könnte heutzutage lauten: Das weiß ich von meinem neuronalen Selbstsystem (das meiste davon im frontalen Kortex – der Zone, die am wenigsten durch Gene bestimmt ist).
Herr Bauer nennt das Wissen über das Selbstsystem sehr gewiss, weil es in vielen Studien bestätigt wurde. Zum Selbstsystem gehört ein „Selbst“ das handelt, wahrnimmt etc. und ein „Selbstbeobachtungsystem“, das sich darüber Gedanken macht, wie andere uns wahrnehmen.
Dieses Selbstsystem ist offen für Mitteilungen – positive wie negative. Selbst wenn uns Freunde über Mitteilungen von anderen über uns erzählen, hat das eine tiefe Wirkung auf das Selbstsystem. Mitteilungen können langlebige Spuren darin hinterlassen. Dabei werden positive Rückmeldungen anders verarbeitet als negative.

Resonanz

Das Resonanzphänomen ist aus der Musik gut bekannt. Eine schwingende Saite in einer bestimmten Tonhöhe ist in der Lage, eine andere Saite derselben Tonhöhe zum mitschwingen zu bringen. Was schwingt nun bei uns Menschen?
Ein Babygehirn ist noch unreif, es hat nicht die Möglichkeiten eines erwachsenen Gehirns (was an der Frühgeburtlichkeit des Menschen liegt). Das Baby äußert sich also nicht gewollt und gezielt, sondern eher zufällig. Seine Äußerungen werden dann von einer hinreichend feinfühligen Bezugsperson wahrgenommen und zurückgespiegelt. Zur Erklärung dienen hier die berühmten Spiegelneuronen, die das ermöglichen. Die Rückspiegelung setzt nun erste Erfahrungen im Selbstsystem des Säuglings.
Während dieser Spiegelepisoden geschehen viele Dinge auf einmal. Ein körpersprachlicher Dialog, eine reziproke Erregung, Botschaften werden übertragen und können Spuren im jeweiligen Empfänger hinterlassen. Im Falle negativer Botschaften hat es das Baby sehr schwer, diese abzuwehren. Im Notfall schaltet es auf chronische Abwehr.
Konkret sieht das so aus, dass die „dyadische Beziehung“ durch vorhersagbare Kontakthandlungen des Elters eine sichere Bindung angebahnt wird (Kontingente Beziehung). Die Interaktionen werden durch Augenkontakt begleitet, Äußerungen des Babys zeitnah beantwortet, dabei hat die Stimme eine angemessene Tonalität, auch die Qualität der Berührungen ist feinfühlig genug, und die Pflegehandlungen laufen in positiver Atmosphäre ab, wichtig dabei ist genügend Zeit für den dyadischen Kontakt.

Schwierige Resonanzen

Diese Fülle von Faktoren zeigt schon, dass in dieser Beziehung auch viel schief gehen kann. Das ist besonders fatal, weil das Baby noch kein Selbst in eigentlichen Sinne hat. Es erfährt durch die Art und Weise wie es behandelt wird, dass es selbst ist, und auch wie es selbst ist.
Herr Bauer würzt seinen Vortrag noch mit ein paar Ergänzungen. So erfahren wir, dass Babyschreie in Erwachsenen Angst auslösen. Diese wird in aller Regel aber nicht gespürt, sondern durch Pflegehandlungen am Baby bewältigt. Wer als Baby diese Erfahrung nicht genügend gemacht hat, wird später Probleme damit bekommen, Babys angemessen zu versorgen, ja,  es kann sich sogar eine Angst vor der Angst entwickeln.
Jedenfalls brauchen Babys in der Regel 18 Monate lang angemessene emotionale Versorgung, bis sie fähig werden, sich selbst zu regulieren. Diese Fähigkeit wiederum stärkt die Widerstandskraft enorm. Die frühen Lebenserfahrungen finden auf jeden Fall ihren Weg ins Körpergedächtnis (auch dafür gibt Zonen im Gehirn). Vorsprachlichen Erfahrungen fließen später auch ins sprachliche Selbstbild ein. Dieses entwickelt sich etwa zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat.
An mehreren Stellen des Vortrags beschwört Herr Bauer die absolut sichere wissenschaftlich Erkenntnis, dass Kinder unter zwei Jahren nur in einer Kita mit einem Betreuungsschlüssel von eins zu drei gut versorgt werden können.

Ich, Du und Wir im Gehirn

Wenn wir über uns selbst nachdenken nutzen wir das Selbstsystem. Wir benutzen es auch, wenn wir über bedeutsame und nahe Andere nachdenken. Anders allerdings, wenn wir über fremde und ferne Andere nachdenken Dann nutzen wir andere Systeme und ebenso, wenn wir über Gruppen nachdenken. So entstehen verschiedene Mischformen von Ich und Wir – von viel wir und wenig ich; oder viel ich und wenig wir. Das lässt sich mit Aufnahmen und Berechnungen sehr gut zeigen. Dabei werden dann auch kulturelle Unterschiede sichtbar. Das typisch westlich-europäische Gehirn läuft eher im „viel ich, wenig wir“ Modus. Ganz im Gegensatz zum typisch chinesischen Gehirn, das im „viel wir, wenig ich“ Modus erzogen wurde.

Phänomene zwischen Selbst und Nicht-Selbst

Dass es vorkommt, dass sich ein Selbst über seine Körpergrenzen hinaus ausdehnt ist ein schon länger bekanntes Phänomen. Menschen identifizieren sich mit ihrem Besitz, mit Dingen oder einer virtuellen Identität. Mitunter geschieht das aus dem Grund, dass sich das Selbst nicht gut genug erscheint. Daraus können dann auch krankheitswertige Entwicklungen ableiten – z.B. Depressionen, interpersonale Abhängigkeiten und Narzissmus.
Ein wenig anders liegen die Dinge bei früh traumatisierten Menschen. Nicht selten tragen sie sog. Täterintrojekte in ihrem Selbstsystem. Es fällt ihnen schwer, diese fremden Anteile von ihren eigenen zu unterscheiden. Auch in diesem Fall können sich krankheitswertige Entwicklungen anbahnen.

Das Selbst als innerer Arzt

Das Selbstsystem hat Verbindung zu nahezu allen körperlichen Systemen – auch zum Vegetativum. Wer sich also gut um sich kümmert und das gute Leben pflegt (Eudaimonie), hat gute Chance auf ein langes und gesundes Leben. Menschen, die eher auf den schnellen Spaß ausgerichtet sind (Hedonie) wird das eher selten widerfahren.
An dieser Stelle dann noch der Appell an die Ärzte, dass sie ihre Diagnosen verantwortungsvoll mitteilen, dass sie versuchen sollen, das Selbst mit ins Boot der Therapie zu holen und nicht mit der Diagnose auf den Patienten zu schießen.
Viel Applaus für Herr Bauer

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