Die Psychosomatik erkundet Systemische Therapieansätze

Bericht vom Psychosomatischen Dienstags-Kolloquiums „Körper – Seele – Geist“ der Psychosomatischen Klinik Freiburg vom 22.10.19, von Jochen Schweitzer-Rothers, Heidelberg: „Heilung als Gemeinschaftsleistung“

Einleitung

Zum Einstieg bietet uns Herr Schweitzer vier Thesen an:
1. Die Entwicklung psychischer Störungen ist eine Gemeinschaftsleistung und ihre Heilung ebenfalls
2. Mehrpersonen-Therapiesettings fördern schnellere und nachhaltigere Veränderungen
3. Auch Einzeltherapien geschehen inmitten systemischer Kontexte, deren Nutzung sich lohnen könnte
4. Heilung ist auch eine politische Gemeinschaftsleistung

Dann bekommen wir die Struktur des heutigen Vortrags vorgestellt:
1. Kultur, Soziale Systeme, Psychotherapie: Therapie-Kulturen
2. Heilung als Gemeinschaftsleistung: Gute Gründe und Formen
3. SYMPAthische Psychiatrie
4. Systemische Therapie bei Sozialer Angst
5. Mehr-Familien-(Gruppen)-Therapie
6. Heilung als Gemeinschaftsleistung und die deutschen Psychotherapierichtlinien
7. Therapie und Politik: Zwischen Neutralität und Positionierung

Die Systemische Perspektive

Herr Schweitzer erläutert uns also zunächst den Begriff der „Kultur“. In seiner Ursprungsbedeutung bedeutet er Ackerbau, Pflege, Bearbeitung, also alles, was der Mensch gestaltend hervorbringt. Daraus haben sich bis heute zahlreiche andere Bedeutungsnuancen entwickelt, z.B. die „Normen“ einer „Hochkultur“, die Sprachspiele, bzw. Diskurse, die Praxis (Habitus) und auch das, was verbindet oder trennt, wie das bekannte Paar Leitkultur vs. Multi-Kulti.

Psychotherapie als Kulturform

Psychotherapie kann als Sub-System einer Kultur angesehen werden und auch PT kennt unterschiedliche Kulturen. Aus systemischer Sicht lassen sich vier Aspekte untersuchen:

Psychotherapie als:
1. Diskurs: Wer kommt zu Wort? Wessen Ideen setzen sich durch?
2. Habitus: Was wird getan? Was unterlassen? Welches Verhalten ist angemessen?
3. Norm: Wird eine Leitkultur angestrebt (Richtlinienverfahren) oder ist Multi-Kulti möglich?
4. Kulturelle Praxis: Wer soll wobei mitmachen? Wie oft, lange, regelmäßig und wo?

Systemische PT-Kultur

Herr Schweitzer erläutert uns nun, wie systemisch orientierte „Kollektive Psychotherapie-Kulturen“ diese Aspekte angehen.

1. Diskurse: Patienten, Angehörige, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Mitbehandler … können zu Wort kommen. Die Therapeutin glaubt ihnen allen – er/sie ist allparteilich
2. Habitus: Es wird nicht nur gesprochen, sondern auch gehandelt, verhandelt, erprobt, gespielt, getröstet
3. Normen: Unterschiedliche Settings werden zielabhängig kombiniert: Einzel-, Paar-, Familien-, Kinder/Eltern-, Lehrer-Gespräche
4. Kulturelle Praxis: Therapie kann in der Praxis, Zuhause, in der Schule, der Firma, auf dem Spielplatz … stattfinden. Ort, Frequenz, Dauer und Sitzungszahl hängen von Ziel und Kontext ab

Diese Art der Herangehensweise ergibt sich aus der Einsicht, dass Menschen einen Großteil ihrer Probleme nicht alleine lösen können. Vor allem dann nicht, wenn ihnen allzu viele Ressourcen fehlen, wenn sie mit anderen verstrickt oder von ihnen abhängig sind oder sie zwar gute Ideen haben, diese aber nicht alleine umsetzen können.

Wir erfahren noch etwas über den Unterschied zwischen Systemen und Netzwerken. Systeme haben eine Grenze, Netzwerke nicht. Trotzdem sind beide Beziehungsgeflechte, erstere selbstbezügliche, letztere offene.

Einige Techiken der Systemischen Praxis

Als nächstes bekommen wir einige Techniken näher erläutert, z.B. eine „Ökosystem-Landkarte“, auf der Patient*innen verschiedene Personen in ihrer relativen Nähe zu sich darstellen können. Auf so einer Karte können auch hilfreiche oder ängstigende Aspekte eingetragen werden.

Dann geht es mit einem kleinen Ausflug in die Geschichte der „Ökosystemischen Tradition“ weiter. Bereits 1960 gab es erste Ansätze, die aber in den achtziger Jahre wieder ein wenig versandet sind. Herr Schweitzer mutmaßt, dass das mit der neoliberalen Politikwende zu tun hatte.

Herr Schweitzer beendet diesen Teil mit einem kleinen Überblick über die aktuellen therapeutischen Formen dieses systemischen Ansatzes. Da gibt es: Multifamilientherapie, Multisystemische Therapien, Elterncoaching, Aufsuchende Familientherapie, Gemeinwesen orientierte Familientherapie, Linking Human Systems.

SYMPA

Der Vortragende erläutert nun etwas ausführlicher die „SYMPA“ die Systemtherapeutische Methoden psychiatrischer Grundversorgung. Diese setzt auf die folgenden Prinzipien:

1. Weiter Familienbegriff: „Existenzielle Bezugssysteme“
2. Kooperationsangebot: Angehörige als Mitbehandler oder/und als Mitbehandelte
3. Kontextuelles Fallverstehen: Symptome im Beziehungskontext als verständlich, zuweilen „sinnvoll“ anerkennen, eine „Störung als Gemeinschaftsleistung“ betrachten
4. Ressourcen- und Lösungsorientiert: (Er)finden von Lösungen ist wichtiger als Ergründen von Ursachen
5. Systemische Selbstreflexion: sich beim Zusammenarbeiten beobachten und daraus lernen

Systemische Praxis in der Psychiatrie

Wir sehen ein Diagramm des Behandlungsschemas der „Systemischen Akutpsychiatrie“, woraus die hohe Transparenz für alle Betroffenen ersichtlich wird. So sind sogar in der Supervision die Patient*innen und Angehörigen mit anwesend und sie können sogar bei der Verfassung des Arztbriefs mitarbeiten.
Der Vortragende beschließt diesen Teil mit statistischen Belegen für die Wirksamkeit dieses Ansatzes.

SMILE

Nun lernen wir noch „SMILE“ kennen, das sind „Systemisch inspirierte Methoden für die Interaktion und Lösung von Eskalationsmustern“. Diese Herangehensweise betrachtet sowohl die Interaktionsmuster zwischen Helfern und Patient*innen, als auch die zwischen den Helfern. Dabei wird auf die Haltung der Beteiligten geachtet, ebenso auf deren Kontakt und Kommunikation und das alles unter Berücksichtigung des Kontexts. So wird es erleichtert, Eskalationen zu vermeiden bzw. zu entschärfen oder falls sie schon stattgefunden haben, sie aufzuarbeiten.

Zu jedem Aspekt stellt das „Multi-Helfersystem“ einige Strategien vor. Am Beispiel der Haltung lauten diese:
• „Das Wir gewinnt.“ Andere Helfer mit ins Boot holen.
• „Mit Kompass zum Ziel.“ Entscheidungen zum Wohl des Betroffenen ausrichten
• „Manchmal liegen Welten dazwischen“ Unterschiede zwischen Familie, Heim und Psychiatrie akzeptieren.
• „Das schaffen wir schon!“ Stärken und Erfolge im Blick behalten.

Es gibt auch noch ein Systemisches Therapiemanual für sozial ängstliche Menschen. Darin werden Gespräche mit den Patient*innen und den Angehörigen, sowie in Gruppen von Betroffenen geführt. Verschiedene Techniken kommen zum Einsatz, z.B. sich in der Gruppe zeigen und voneinander lernen oder auch angstfördernde Glaubenssätze zu dekonstruieren. Ebenfalls hilfreich ist die grafische Darstellung von Unterstützungs- und Angstnetzwerken.

Zum Thema der Mehr-Familien-(Gruppen)-Therapie zeigt uns Herr Schweitzer einen kurzen Film, bzw. einige Bilder daraus. Familienszenen werden an heiklen Stellen angehalten, die stellvertretenden Spieler*innen frieren gewissermaßen ein. Die Zuschauer der Szene dürfen nun die Haltungen der Spieler*innen verändern, was häufig zu sehr hilfreichen Lösungen führt.

Systemische Therapie und Ethik

Zum Thema der Psychotherapierichtlinien lernen wir die sieben Grundwerte der DGSF kennen.
1. Frieden und Gewaltfreiheit
2. Freiheit von … und Freiheit zu …
3. Gleichheit und Gerechtigkeit
4. Geschwisterlichkeit und Solidarität
5. Teilhabe: Partizipation und Inklusion
6. Ausgleich – ökosystemische Balance
7. Informationelle Selbstbestimmung

Systemische Therapie und Politik

Darauf folgt zum Abschluss die Betrachtung von Therapie und Politik – Zwischen Neutralität und Positionierung. Auf die Fragestellung:

„Wie können Systemische Therapeut*innen und Berater*innen gesellschaftspolitisch handeln?“

gibt es folgende Vorschläge:

Individuell: Indem sie als Praktiker*innen ihren Klient*innen helfen
• Die politischen Kontexte ihrer Probleme zu verstehen
• Sich gegen als ungerecht Erlebtes systemkompetent zu wehren
• Und sich Bündnispartner zu suchen

Kollektiv: indem sie in ihren Verbänden
• Schlechte Zustände deutlich benennen
• Auf Verbesserung schlechter Lebensbedingungen ihrer Klient*innen drängen
• Auf Verbesserung eigener schlechter Arbeitsbedingungen drängen

Auf die Frage: „Wie kann eine politisch reflektierte Therapie- und Beratungspraxis aussehen?“ Gibt es folgende Vorschläge:
1. Reflektierte Parteilichkeit: Wie viele Veränderungsunterstützung wünscht der Klient?
2. Mit dem Klienten die politischen Kontexte seiner Probleme erkunden
3. Ermutigen, sich auf eigene Werte und Widerstandskräfte zu besinnen
4. Wo und wie kann der Klient sich gegen Ungerechtes wehren?
5. Welche Verbündeten können ihn unterstützen?
6. Wie kann er die Risiken eines mutigeren Vorgehens begrenzen?
7. Dranbleiben: ggf. langfristige niederfrequente Beratung durchhalten, evtl. auch praktische Hilfe (Mitgehen)

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